Pyogenesis, Anchors & Hearts, Ignis Creatio – The Tube Düsseldorf 11.03.2017

Pyogenesis live in Düsseldorf

Pyogenesis… oder die Geschichte davon, wie man einen alten Mann sehr glücklich machen kann…

Wer schonmal Bands für ein kleines Festival gebucht hat, der kann vielleicht nachempfinden, wie sehr man sich freut, wenn man eine Einem völlig unbekannte Band im Internet findet, die außergewöhnlich gute Musik macht, deren Videos mega produziert sind, die absolut sympathisch rüberkommt und von der Anzahl der Likes auf Facebook und Views auf Youtube in der Liga scheinen, dass sie gerade noch bezahlbar sind. Da geht dem Perlentaucher das Herz auf, die Hoffnung eine Band vor dem großen Durchbruch gefunden zu haben, Herzklopfen, feuchte Hände… pure Verliebtheit, Ihr kennt das…

Riesenfreude also, als ich vor knapp 2 Wochen Pyogenesis entdeckte. Die Band erfüllt alle genannten Kriterien, der Mix aus Death Metal, Punk, charttauglichen Refrains und energiegeladenem Sound bringt sie mit Ihren aktuellen Alben „A Century In The Curse Of Time“ (2015) und „A Kingdom To Disappear“ sofort in die Top Ten der persönlichen Herzensangelegenheiten.

Voller Enthusiasmus beginnt dann die Recherche: welches Label, Bandhistorie, Booking Agency, wen anlabern um in Kontakt zu treten, usw.; mit der Folge, dass man einen tiefen Stich ins Herz bekommt ob der Ahnungslosigkeit, derer man sich nun entblößt. Die Band gibt es seit 1991. Verdammt. 26 Jahre verschenkte Lebenszeit 😉

Egal. Wer mag, der kann sich über Pyogenesis schlau machen, die Bandhistorie ist fantastisch, die Jungs haben von Anfang an einen Sound gemacht, der neben Growls und Blast Beats auf jeden Fall auch immer mal wieder tanzbar und dabei schwarz und düster ist.

13jährige Bandpause

Wenn man ganz großes Glück hat, dann stellt man fest, dass die Band gerade tourt, man die 13jährige Bandpause nicht miterleben musste und mit tränenreichen Emails eine Einladung bekommen kann. Klar hätte man auch den günstigen Eintrittspreis gezahlt, aber die Band zu buchen ist die Mission. Umso schöner also wenn man nicht nur als Gast geladen ist, sondern einen umfassenden „Access all Areas“ Pass in die Hand gedrückt bekommt mit der Aufforderung die Band wegen des Festivals bitte persönlich anzulabern.

Also nix wie rein in „The Tube“, einer schlauchförmigen Bar mit kleiner Bühne am Ende mitten in der Düsseldorfer Altstadt, die wie an jedem Wochenende aus allen Nähten platzt. Der Laden ist klein… sehr klein… das Equipment der Bands stapelt sich links und rechts des Zuschauerraumes, die Bühne ist winzig und mein persönliches Highlight ist eine Säule wenige Meter vor der Bühne, die, egal wo man steht, die Bühnenshow in 2 Teile teilt. Entweder man sieht die Bandmitglieder links der Säule oder eben die, die rechts der Säule auftreten. Muss man mögen 😉

Erstmal rein in den Backstagebereich. In dem Raum in der Größe von anderthalb Dixi Klos stapeln sich die Bands des Abends. Wie bei einem Schiebe–Puzzle quetschen wir uns dabei und müssen unseren Smalltalk schnell wieder unterbrechen, Pyogenesis müssen auf die Bühne.

Pyogenesis als Vorband von Pyogenesis

Ähm… Pyogenesis vor Anchors & Hearts, deren Namen ich noch nie gehört hatte? OK… das mag bedeutungslos sein, meiner offensichtlichen Ahnungslosigkeit hatte ich ja schon Offenkunde geleistet. Treppen wieder hoch, Show beginnt. Der Sound ist ein wenig altbacken, so gut wie keine Ansagen, keine clean vocals und das Beste: nach knapp 30 Minuten ist der Spuk vorbei.

Wow. Die lodernde Flamme der Liebe hält das natürlich aus… aber ein wenig Sauerstoff hat das jetzt irgendwie schon entzogen. Ein, offen gesagt etwas entsetztes, sehr hippes Pärchen spricht mich an, ob es das denn jetzt wohl gewesen sei, wir schauen uns gegenseitig tief in die Augen und unverkennbar spiegeln wir uns gegenseitig eine tiefe Trauer und Enttäuschung. Erstmal raus.

Hier treffe ich glücklicherweise auf einen Bekannten, der macht Alles wieder gut und klärt auf:

Pyogenesis haben als eigene Vorband das Set der 1992 erschienenen EP Ignis Creatio präsentiert, die Platte einfach runter gespielt, weil sie Bock drauf hatten und damit unter anderem ihm, Christian, einen Riesengefallen getan, schließlich ist er Fan der ersten Stunde, war auf Butterfahrt mit der Band, zelten, etc. In diesem Licht muss ich sagen: coole Sache.

Durchatmen und zurück in die Tube. Hier haben Anchors & Hearts schon begonnen. Endlich mal melodischer Hardcore. Die Band überzeugt, der Sound hätte gerade im Gesang besser abgemischt werden können, da ging schon öfter mal was unter, aber die Band gab im typischen „Hardcoreenergievollaufdiefressemodus“ Alles. Sehr sympathische Jungs, die dennoch einem meiner persönlichen Problematiken in der Kürze der Zeit keine Abhilfe leisten konnten: Hardcore hört sich für mich relativ beliebig an. Wo genau die Bands sich da unterscheiden ergibt sich bestimmt dem geneigten Hörer. Es könnte aber auch sein, dass ich da einer weltweiten Verschwörung auf den Leim gegangen bin und sich wöchentlich andere Leute über einen Pool von 20 bis 30 Harcoresongs hermachen und den mit unterschiedlichen Bandnamen wieder und wieder präsentieren.

Zumindest haben die Jungs echt Laune gemacht, ich empfehle dem Hardcorefan auf jeden Fall mal reinzuhören!

Jetzt aber: Pyogenesis.

Ich habe mich vorher gefragt, welche Leute wohl zu einem solchen Konzert kommen. Natürlich hatte ich mit einem hohen Frauenanteil gerechnet, der Tanzbarkeit geschuldet und erwartet, dass sich der geneigte Death Metal Fan immer kurzzeitig seiner Partnerin entledigt um vor der Bühne völlig zu eskalieren. Vielleicht liegt es an Düsseldorf, aber hier waren neben den vielen Mädels und den Fans der ersten Stunde, klar erkennbaren Metallern dann doch auch eine ordentlich Zahl an Leuten, die ich jetzt mal allgemein als Hipster etikettiere. Diese Vollbärte mit kurzen, gescheitelten Haaren. Ihr kennt das.

Ca. 150 Leute füllen den Laden jetzt und sorgen für eine ordentliche Wärmeentwicklung, die Show geht los. „This won´t last forever“ sorgt dann auch tatsächlich direkt für die völlige Eskalation des Publikums. Der Hipster neben mir beginnt ausgelassen zu tanzen und das komplette Publikum singt mit, liegt sich in den Armen, die Stimmung von null auf hundert! „Those churning days“ legt punkig direkt nach, die Jungs auf der Bühne, statt im düster-minimalistischem Ignis Creatio Stil jetzt voller Spielfreude, der Sound endfett. Dem Sänger Flo Schwarz muss man echte Entertainerqualitäten unterstellen. Nicht schlecht, wenn einer wirklich Alles kann. Die Band bietet die Songs perfekt an, hat Spaß ohne Ende, nimmt das Publikum mit auf die Reise, „Steam Paves Its Way“ nimmt dann auch mich mit, „Lifeless“, „Fade Away“, bis zum „The Swan King“ bringen Jeden zum Kopfnicken, Wippen, Tanzen, Mitsingen und dem Gitarristen Gizz Butt, in Höchstform, den unangefochtenen Titel des am heftigsten schwitzenden Menschen aller Zeiten.

Auf jeden Fall erwähnenswert der Draht zum Publikum:

Der fünfzehnjährige Lars kann nach kurzem Interview zum ersten mal im Leben stagediven, der doch ein paar Jahre ältere und zum internationalen Publikum mit Leuten u. a. aus Schweden, Irland, etc. noch einen draufsetzende Weißrusse, der mal eben 1500 km für die Show angeballert kam, durfte folgen und tauchte dann auch entsprechend von den Händen der Menge kopfüber Richtung Boden ab als er aber wirklich schon beinahe die Bar erreicht hatte.

Knapp anderthalb Stunden, die Band verabschiedet sich. Klar, es gibt nach ein paar Minuten noch eine Zugabe. Noch Eine? 5 Songs! „Every Man For Himself… And God Against All“ ist mein Highlight des Abends, dazu kommen aber noch „I Have Seen My Soul“ und zum Abschluß „Don´t You Say Maybe“. Keiner will gehen, die Band scherzt zwischendurch noch eine Weile. Alles in Allem:

Zwei Stunden voller perfektem Sound, Energie, Positivität, Lebensfreude, guter Laune. Ein Konzert, das man mit Geld eigentlich nicht bezahlen kann. Pure Liebe.

Eine angemessene Zeit später nochmal rein in den Backstageraum. Ich hatte doch eine Mission. Pyogenesis auf dem Rage against Racism 2018 in Duisburg. Jetzt mal ehrlich:

Es wurde ein Gespräch zwischen zwei Musikenthusiasten, Familienvätern, Metallern, über Anna und Elsa, Rock Hard Festival eins und zwei und irgendwie Allem, nicht außer Acht lassend die Endlichkeit des Seins und na klar schielten wir immer mal auf Gizzs nackten Hintern, hätten auf jeden Fall noch Tage gebraucht um die metallische Prophetie zu Ende zu bringen… und sind uns bzgl. des Festivals weitestgehend einig geworden. So macht man einen alten Mann glücklich! Danke für den geilen Abend!

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Bildquellen

  • Pyogenesis-The_Tube_Club1: metal-heads.de / Dee Dara
Yioni Rage

Yioni Rage

In der Jugend passionierter Stagediver. Musik gehört zu allen Situationen im Leben, so geht von Fredrik Vahle über Macklemore bis Satyricon eigentlich Alles!

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