LONG DISTANCE CALLING: How Do We Want To Live?

long distance calling how do we want to live

Wer nach der Ankündigung dachte, dass LONG DISTANCE CALLING nun überwiegend elektronisch klingen würden, wird schnell feststellen, dass sie die elektronischen Elemente nicht in den Vordergrund gestellt, sondern in Einklang mit den Intrumenten gebracht haben.

Inhaltlich geht es bei How Do We Want To Live? (VÖ: 26.Juni 2020) um das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, technologischem Fortschritt und persönlicher Freiheit. Letztlich auch um die Frage nach humanistischen Grundwerten. Und – wie Jan es in dem Interview sagte, das ich vor ein paar Tagen mit ihm geführt habe – darum, wieviel Technik und Maschine der Mensch in sein Leben lassen möchte. Auf diese Frage geben LONG DISTANCE CALLING keine Antwort. Das Prinzip der Frage bleibt durchgängig erhalten. So dass sich jeder seine eigenen Gedanken machen und für sich selbst eine Antwort finden kann.

Im Grunde genommen unterstützt instrumentale Musik gerade diese Offenheit der Fragestellung, bietet sie doch mehr Raum für eigene Gedanken. Denn Wörter sind immer mit Konnotationen verbunden. Musik ist in dieser Hinsicht freier. Doch ganz auf Worte haben LONG DISTANCE CALLING auch auf diesem Album nicht verzichtet: es gibt einen Song mit Gesang und außerdem Sprachsamples.

„Curiosity is a real bastard“

So beginnt das Album im Opener „Curiosity (Part1)“ mit Überlegungen zur Rolle der Neugier. „Curiosity (Part 2)“ schafft eine Welt atmosphärischer Klänge, Strukturen und Melodien, die die Basis für das gesamte Album wird. Der Text kann als Einstimmung darauf verstanden werden, dass How Do We Want To Live? uns durch die Präsentation auch gegensätzlicher Aspekte zum Nachdenken anregen und eben keine Antwort liefern möchte. Demzufolge kann z.B. die hier betrachtete Neugier zur Freude an der Entdeckung ebenso beitragen wie auch Gefahren nach sich ziehen, wenn ihr unreflektiert gefolgt wird. Ein indirekter Verweis darauf, dass Schwarz-Weiß-Denken nicht weiterhilft. Und daher die Frage danach, wie wir leben wollen immer wieder neu gestellt und beantwortet werden muss.

„Hazard“ knüpft an Klänge an, die von LONG DISTANCE CALLING bekannt sind. Demgegenüber stehen bei „Voices“ die elektronischen Elemente deutlich im Vordergrund. Interessant ist auch die Dynamik des Songs: nach eher ruhigem Beginn nimmt der Song an Intensität zu und ein von einer schönen Melodie getragener energiegeladener Spannungsbogen zieht sich über den kompletten Song.

„Fail/Opportunity“ ist eine gelungen komponierte Verbindung (analoger) Cello-Klänge mit den elektronischen Elementen. Ein aus dem Glissando ausbrechender Ton klingt fast wie ein Aufseufzen, mit dem sich das Cello von den elektronsich erzeugten Klängen abgrenzt.

„Immunity“ ist ein rockig-intensiver Song. „Sharing Thoughts“ beginnt mit einer Klavierpassage, während im weiteren Verlauf vor allen Dingen das Schlagzeug die Gestaltung übernimmt. Die Intensität des Songs wird durch „Beyond Your Limits“ aufgenommen. Gesungen von Eric A. Pulverich von der Göttinger Rockband KYLES TOLONE, dessen großartige Stimme auch gut zum Song passt.

„True/Negative“ ist ein eher düsteres Klangexperiment. Aber mit „Ashes“ und etwas leichteren Klängen, werden wir aus dem Album entlassen

Ein Soundtrack zur aktuellen Situation mit vielen Fragenzeichen

Für dieses Album sollte man sich Zeit nehmen. Sich dann überraschen lassen, in die Klangwelten eintauchen. Es gibt sehr viel zu entdecken. Vor allen Dingen, wenn man das Album mit Kopfhörern hört. Und im Weiteren auch auf die eingesprochenen Texten achten, da sie Impulse für die Auseinandersetzung mit der Frage des Albums bieten. Mir wäre es allerdings lieber gewesen, die Texte nicht in den Songs zu hören, sondern im Booklet nachlesen zu können, da sie sowohl meine Überlegungen zur Frage als auch das Hören der Musik beeinflusst haben.

So wäre das Erleben dessen, was insbesondere instrumentelle Musik ausmacht, noch intensiver gewesen: das Erzeugen von Emotionen, ohne dies durch eine kognitive Auseinandersetzung mit Wörtern zu beeinflussen.

Wie man sich musikalisch treu bleibt und dennoch neue Wege einschlagen kann

Die Band hat sich in der Entwicklung des Albums mit der Frage beschäftigt, ob der technische Fortschritt in eine Utopie oder eine Dystopie mündet. Musikalisch haben sie den Weg in eine Utopie eröffnet. Dabei ist es ihnen in einer beachtlichen Leichtigkeit gelungen, elektronische Elemente in Einklang mit den Instrumenten und wiedererkennbarem LONG DISTANCE CALLING-Sound zu bringen und dennoch mit dem Klang neue Perspektiven zu eröffnen. Außerdem bietet das Album einerseits eine Kontinuität, andererseits eine Herausforderung, was das Album auch musikalisch zu einem der interessantesten dieses Jahres macht.

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Bildquellen

  • long distance calling how do we want to live: Anger Management & Promotion
Birgit

Birgit

Iron Butterfly und Jethro Tull haben mir gezeigt, dass es neben Uriah Heep, Black Sabbath und Whitesnake noch etwas anderes gibt. Neugierig geworden höre ich seitdem alles, was sich unter dem Oberbegriff Metal und Rock versammelt. Je nach Stimmung eher Metalcore oder instrumentalen Rock. Mein Herz hängt allerdings am ganzen Spektrum skandinavischer Metalmusik: ob nun Folk-, Progressiv oder Doom-Metal.

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