BLACK SPACE RIDERS – Interview zu „DIE 8“
Am 13. November 2026 veröffentlichen BLACK SPACE RIDERS das Album „DIE 8“. Es ist ein Album zwischen dystopischer Gegenwart und Science-Fiction.
Mit SEB (Keys, Vocals, Percussion), JE (Guitars, Vocals, Keys), C.RIP (Drums, Percussion, Didgeridoo) und MEI (Bass) habe ich über „Die 8“, gemeinsames Songwriting, menschliche Kreativität und die Kraft von Musik, Menschen zusammenzubringen, gesprochen.
DIE 8 – ein Titel mit Wortspiel

„Die 8“ – was bedeutet dieser Titel? Am Ende welcher Überlegungen habt ihr ihn für das Album festgelegt? (Der Titel taucht ja auch nicht als Titel eines Songs auf…)
SEB: „Die 8“ war zuallererst der Name des gemeinsamen Cloud-Ordners, in dem wir die Ideen und Jam-Sessions für unser – eben – achtes Album archiviert und bearbeitet haben. Im Laufe der Zeit wurde dann daraus die Idee einer Raum-/Relaisstation „Die 8“, die irgendwo im outer rim zerborsten und zerstört liegt, und deren Geschichte wir erzählen wollen.
JE: Da wir eine internationale Fanbase haben, wird es sicher auch viele Hörer geben, die „Die“ nicht sofort im Sinne des deutschen Artikels, sondern im Sinne des englischen Verbs „Sterben“ interpretieren. Ein schönes Wortspiel.
Ihr erzählt mit dem Album die Geschichte einer Relaisstation irgendwo zwischen einer fernen Galaxis und unserer Gegenwart. Es geht um Arroganz der Macht, bleierne Stille der Isolation, das Rauschen der Massen, Kontrolle durch Algorithmen und gesellschaftlicher Verrohung.
Wann wurde aus einzelnen musikalischen Ideen die Vorstellung, das Album zu einer dystopischen Erzählung, einer „Kartografie eines schleichenden Zerfalls“ zu machen?
JE: Wir haben unseren Alben schon immer gern einen konzeptionellen Überbau gegeben. Zuerst komponieren wir die Songs und wählen aus, welche aufs Album kommen. Dann fragen wir uns: Was ist die übergeordnete Geschichte, die wir damit erzählen wollen? Wenn das Konzept steht, gestalten wir die einzelnen Texte aus. Die Acht ist dafür ein schönes Symbol, weil sie für viele verschiedene Dinge stehen kann.
SEB: Wäre es das siebte Album gewesen, hätte sich vermutlich auch ein ganz anderes Konzept ergeben. Vielleicht die sieben Todsünden – wer weiß?
Gegenwart oder Science-Fiction? Warnung oder Hoffnung?
Ist für euch eher eine zugespitzte Beschreibung unserer Gegenwart oder doch ein Science-Fiction-Szenario? Die Relaisstation kann ja in einer fernen Galaxis sein – oder in den digitalen und sozialen Netzwerken unseres Hier und Jetzt.
JE: Unser Hier und Jetzt wäre für mich vor zehn Jahren noch totale Science-Fiction gewesen. Ich hätte nicht für möglich gehalten, was sich in dieser Zeit alles ereignet – und mit welcher Geschwindigkeit. Das lässt sich gedanklich weiterspinnen: Es kann gut ausgehen, aber auch ganz schlecht. Der Ausgangspunkt des Albums ist erst einmal die Warnung: Achtung, hier läuft gerade etwas gewaltig schief. Trotzdem bleibt ein Schimmer Hoffnung.
C.RIP: Diese Beschleunigung ist schon wahnsinnig: gesellschaftliche Polarisierung auf der einen Seite, eine explosionsartige technologische Entwicklung auf der anderen. Vor zehn Jahren hätten wir kaum gedacht, dass wir 2026 da stehen, wo wir jetzt stehen.
SEB: Wir wollen generell Geschichten erzählen, die in einer fernen Galaxie, vielleicht auf der Erde aber auch einfach nur in uns selbst stattfinden könnten.
Wir wollen generell Geschichten erzählen, die in einer fernen Galaxie, vielleicht auf der Erde aber auch einfach nur in uns selbst stattfinden könnten.

Songwriting: Entscheidend ist, ob es am Ende zusammenpasst
Seit eurer Gründung wollt ihr Genregrenzen auflösen und stattdessen mit künstlerischer Konsequenz füllen. Was heißt das konkret für dieses Album?
JE: Wir nehmen uns nicht vor, Genregrenzen aufzulösen. Das ergibt sich ganz natürlich daraus, wie wir musizieren. Wir lassen erst einmal zu, was uns im jeweiligen Moment aus den Fingern oder aus dem Mund kommt. Auch eine Idee, die zunächst gar nicht zum ursprünglichen Riff zu passen scheint, ist willkommen. Entscheidend ist, ob es uns am Ende gefällt und zusammenpasst. Rock, Post-Punk, Psychedelik, Elektronik, Doom und tanzbare Grooves – wie wird daraus ein stimmiges Ganzes?
SEB: Am Anfang kann alles stehen: ein Beat, eine elektronische Sequenz, ein Riff, eine Basslinie oder Gesang. Was uns auszeichnet, ist, dass wir besonders gut aufeinander hören. C.RIP fängt als Schlagzeuger die Ideen wie ein Hütehund ein, setzt sie um und treibt sie nach vorn. Wir lassen die Musik entstehen, ohne ständig darüber nachzudenken, welchem Genre sie gerade angehört.
JE: Wir hören alle sehr unterschiedliche Musik. Niemand ist ausschließlich Metal- oder Punk-Hörer. Diese Einflüsse können wir im Rahmen unserer Möglichkeiten auch ausdrücken. Ein gutes Beispiel ist z.B. beim ersten Track des Albums „Algorythms“ die Verbindung aus Sequencer-Puls, Tribal-Beat und Riff: Der Puls kommt eher aus dem Techno, dazu entsteht ein Tribal-Beat und darüber ein Riff aus dem Killing-Joke-Universum. Jedes Element inspiriert die Anderen, aus ihrem ganzen musikalischen Köcher zu schöpfen.
C.RIP: Vieles entsteht aus gemeinsamen Sessions – etwa „End of Time“ oder „Movement“. Es geht darum, offen zu bleiben und sich zu trauen, auch einmal woanders hinzugehen. Manche Ideen begleiten uns viele Jahre, bevor sie ihre endgültige Form finden.
Ihr verbindet Rock, Post-Punk, psychedelische und elektronische Elemente mit doomigen Passagen und tanzbaren Grooves. Dabei klingt das nie nach eklektischem Nebeneinander.
Wie gelingt das?
SEB: Ich glaube, dass wir wie kaum eine andere Band uns gegenseitig beim Musik machen zuhören. Zuhören ist beinahe noch wichtiger, als selbst machen. Eine(r) muss halt anfangen, aber danach entwickeln wir gemeinsam die Musik und schauen jedes Mal, manchmal sogar etwas verwundert, wohin uns die Reise führt. Das mag sicherlich nicht für jede Band und Stilrichtung die passende Herangehensweise sein. Bei uns passt es so schon seit längerer Zeit.
Im Interview, das wir 2022 geführt haben, hast du gesagt, dass sich euer Songwriting-Prozess immer mehr in Richtung gemeinsames Schaffen entwickelt hat.
War das diesmal auch wieder der Fall, dass ihr die Songs gemeinsam entwickelt habt?
SEB: Ja! Das ist seit langem unsere Arbeitsweise – im Grunde, seit wir zusammen Musik machen. Die Songs entwickeln wir gemeinsam.
Elektronische Werkzeuge aber keine KI – die Kreativität geht vom Menschen aus
Ihr habt eure Alben konsequent in Eigenregie veröffentlicht. Damit habt ihr euch ein großes Maß an Autonomie bewahrt.
Auf „Die 8“ beschreibt ihr eine Welt, in der Daten zur Ware werden und menschliche Werte – und damit auch ihre Arbeit unter Druck geraten und verdrängt werden. Welchen Einfluss hat dies auf eure Arbeit? Sowohl musikalisch als auch hinsichtlich der ökonomischen Aspekte.
Seid ihr an das Songwriting noch einmal anders herangegangen, um euch eventuell auch von Musik, die mit Hilfe digitaler Methoden oder KI hergestellt wird, abzugrenzen? Welche Rolle spielt dies für euch, da ihr eure Musik ja nicht nur veröffentlichen, sondern auch (unter den aktuellen Bedingungen) sichtbar machen und auch neue Hörer gewinnen müsst?
MEI: Wir sind nicht mit dem Vorsatz an die Songs gegangen, uns von KI-Musik abzugrenzen. Unsere Musik entsteht ganz natürlich im gemeinsamen Spielen – eher als Gefühl, als Fluss.
JE: Zum Musikmachen benutzen wir keinerlei KI. Die Auseinandersetzung mit Daten und algorithmischer Kontrolle kam später über das Konzept und die Texte hinzu. Elektronische Werkzeuge zu nutzen ist für uns dabei kein Widerspruch. Als Sequencer und Synthesizer aufkamen, hieß es auch oft: Das ist doch keine Musik. Dabei ist daraus großartige Musik entstanden. Entscheidend ist für uns, dass die Kreativität vom Menschen ausgeht. Man kann Werkzeuge und Elektronik einsetzen – aber man sollte der KI nicht die Kreativität überlassen.
Unsere Musik entsteht ganz natürlich im gemeinsamen Spielen – eher als Gefühl, als Fluss

Im Zusammenhang mit dem Songwriting sprecht ihr auch von einer „Liebe zum Detail“. Welches Detail ist dir besonders wichtig oder hat euch besonders Spaß gemacht?
SEB: Ich erinnere mich besonders lebhaft an den Entstehungsmoment von „Algorythms“ zu dritt mit JE und C.RIP, bei der wir die Disco-Kugel angeworfen, den Sequenzer gestartet haben und C.RIP seinen unwiderstehlichen Beat darüber legte. hatten. Als JE dann mit Western-Gitarre und Vocals einsetzte gingen 8 Minuten lang bei Sauerstoffmangel im engen Proberaum die Pferde durch. Das war schon sehr kathartisch.
C.RIP: In dieser ersten Session war im Grunde schon alles enthalten, was den Song später ausgemacht hat. Außerdem freue ich mich sehr, dass wir ältere Ideen wie „End of Time“ wieder aufgegriffen haben. Die lagen seit 2018 da und haben sich durch die gemeinsame Bearbeitung noch einmal deutlich verändert.
JE: Bei der Produktion kommt noch eine weitere Ebene dazu. Die Songs waren diesmal schon ungewöhnlich weit ausgearbeitet, als wir ins Studio gingen. Trotzdem lassen sich dort Feinheiten herausarbeiten: ein Klang, ein Effekt oder ein Echo aus einer Liveaufnahme, das plötzlich in den Vordergrund rückt. Vielleicht fällt das beim ersten Hören gar nicht auf, sondern erst beim zwanzigsten. Solche Alben liebe ich auch als Hörer – wenn es immer wieder noch etwas Neues zu entdecken gibt.
Ein Konzert bedeutet: mindestens zwei Stunden voller Spaß, Gemeinsamkeit, Freude, Bewegung und Schweiß und Lachen

Mit den Songs bewegt ihr euch an den „Grenzen zwischen menschlichen Geist und algorithmischer Kontrolle“ und inszeniert eine Dystopie, in der sich aber „ritueller Widerstand“ regt. Was macht diesen Widerstand aus? In welcher Hinsicht ist er ritualisiert – aber eventuell wirkungslos? Wie weit ist Musik für euch ein Mittel, sich einer zunehmend feindselig gewordenen Welt, der Anonymisierung und der Vereinzelung des Individuums entgegenzustellen?
In „Celebr8 (We Salute You)“ geht es um so etwas wie die Solidarität unangepasster Geister in einer Gemeinschaft. Wäre z.B. ein Konzert / der Besuch eines Konzertes von euch dann eine Möglichkeit, etwas gegen diese Vereinzelung zu tun?
JE: Auf jeden Fall. Ein Konzert von uns bedeutet mindestens zwei Stunden voller Spaß, Gemeinsamkeit, Freude, Bewegung und Schweiß und Lachen. Genau so ist auch „Celebr8 (We Salute You)“ gedacht: als Huldigung an unsere Fans und unser Publikum. Musik und das gemeinsame Konzerterlebnis können Menschen zusammenbringen. Und aus Gemeinsamkeit kann Bewusstsein entstehen, Entscheidungen und dann der Wille und die Kraft, Entwicklungen gegenüber zu treten und mutig zu sein.
Dynamik und Kontraste
Die Songs des Albums sind sowohl voller Wucht und klanglicher Härte als auch durchzogen von einer fragilen Sanftheit und Verträumtheit. Ist es, weil Zartes, Zerbrechliches, Leises (wie Einsamkeit oder Trauer) im Kontrast zu Energie, Kraft, Lautstärke deutlicher werden?
SEB: Dynamik und Klangtiefe sind uns unglaublich wichtig, weil sie Lebendigkeit und Lebhaftigkeit ausstrahlen. Wenn ich in Musik etwas entdecken kann, wenn nur wenig vorhersehbar ist, kann ich auch Gegensätze und Stimmungen besser zum Ausdruck bringen, ja. Durch die Gegensätze wird das jeweils andere deutlicher. Je stärker der Kontrast, desto größer kann auch die Wirkung sein.
JE: Beides gehört zum Menschsein: Man ist manchmal einsam und traurig, manchmal voller Energie und Tatendrang. Diese ganze Gefühlsebene wollen wir zulassen und ausloten – musikalisch wie textlich. Wenn das gelingt, ist das etwas sehr Schönes.
C.RIP: Ich merke dabei auch, dass ich 15 Jahre Jazz gespielt habe. Neben der vollen Attacke brauche ich diesen anderen Gegenpol. Dynamik heißt eben auch, wirklich leise spielen zu können.
Das Album beginnt mit einem rhythmusbetonten, dringlich klingenden Song. Es gibt melodische und groovende Stücke und wie „Solar Mantra“ oder „Weite“ mit beinahe hypnotischen Anteilen. Ihr beendet das Album mit einer Trilogie, die 16 Minuten lang einen Bogen von Groove über psychedelische Passagen bis hin zu sich wiederholenden Schleifen spannt.
Welche Rolle spielen Dynamik und auch der Aspekt ‚Zeit‘ und Vergänglichkeit für euch?
SEB: Auch als Sänger ist es mir wichtig, die ganze Dynamik nutzen zu dürfen und zu können. Wir beiden Sänger z.B. wollen uns nicht auf feste Rollen reduzieren, nach dem Motto: Einer ist der Brüllwürfel und der andere macht etwas anderes. Diese Freiheit ist wesentlich.
JE: Ein Song darf kompakt sein, aber er muss es nicht immer sein. Wiederholung kann einen wie ein Mantra in intensive rhythmische und mentale Zustände versetzen. Wir geben den Songs die Zeit, die sie brauchen, um sich zu entwickeln. Deshalb sind wir bei manchen als die Band mit den langen Songs verschrien, während andere genau das lieben. Beides hat seinen Platz – wir haben schließlich auch Drei-Minuten-Songs.
Wir geben den Songs die Zeit, die sie brauchen, um sich zu entwickeln.
Gemeinsamkeit statt Trennung – es gibt immer Hoffnung
Im Verlauf wird aus der 8 das Unendlichkeitszeichen, mit dem ihr darauf verweisen wollt, dass das Ende der Menschheit nicht das Ende von allem ist. Die Station versinkt, alles löst sich in unendlicher Energie auf.
Habt ihr die Menschheit aufgegeben? Oder gibt es noch Hoffnung? Worauf?
SEB: Es gibt immer Hoffnung. Ich bin positiv.
JE: Das sehe ich auch so, auch wenn es manchmal schwer fällt das zu glauben. Und eines gehört zu diesem Gedanken dazu: Das Ende der Menschheit ist nicht das Ende von allem.
Vielen Dank für das Interview! Zum Ende nur noch die Frage: gibt es etwas, dass ihr unseren Lesern mitgeben oder sagen wollt?
JE: Gemeinsamkeit statt Trennung. Schaut nicht immer nur darauf, was schlecht ist und was uns unterscheidet. Schaut auf das, was uns verbindet.
SEB: Und vielen Dank, Birgit, für die Fragen!
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