Auf Tour in Zeiten des Kriegs: Interview mit White Ward aus der Ukraine

White Ward live in Siegen. Aufnahme der Band auf der Bühne. Vorne links einer der Gitarristen, rechts der Sänger und Bassist. Im Hintergrund sieht man das Schlagzeug. Alles in kaltem, blauen Licht. Ein Scheinwerfer blendet in die Kamera.

White Ward aus Odessa haben im April mit False Light ein großartiges Album veröffentlicht. Die Musiker hatten im Herbst die Chance, die Ukraine für eine 5-tägige Tour zu verlassen. Metal-Heads.de sprach mit der Black-Metal-Band über das Touren in Zeiten des Kriegs in der Ukraine. Ein Interview mit White Ward. [English version below!]

MH: In Kriegszeiten hattet Ihr die Chance, die Ukraine nur für eine 5-tägige Tour durch Polen, Deutschland und Tschechien zu verlassen. Ihr habt die Chance ergriffen, euren Fans die Kriegssituation zu erläutern. Wie haben sie reagiert?

Yurii: Wir haben uns entschieden, unsere Shows nicht mit vielen Worten zu „überladen“, also haben wir bei jedem der Konzerte nur kleine Reden mit Dankesworten an Menschen gehalten, die uns und die Ukraine während dieses Krieges unterstützen.

Ich denke, das Hauptziel der Tournee ist jetzt, die ukrainische Musik und Kultur zu repräsentieren. Um den Menschen zu zeigen, dass es eine reine ukrainische Kultur mit vielen großartigen Künstlern, Musikern, Schriftstellern usw. gibt. Und Russland will sie jetzt zerstören und auslöschen, weil sie denken, dass alles künstlich ist und nur die russische Kultur wirklich Gewicht hat – klingt wie eine Nazi-Idee, findest du nicht?

Wir möchten, dass die Leute erkennen, dass sie uns heute live sehen, uns beim Musizieren zuhören, aber morgen den Post auf Facebook sehen könnten, dass jemand von uns durch eine russische Bombe oder Rakete gestorben ist. Das ist jetzt Realität.

Glücklicherweise war der Empfang bei jeder Show großartig: viele Leute, viele Merch-Verkäufe und viel Unterstützung. Und das wissen wir sehr zu schätzen.

Interview mit White Ward: Fünf Shows in fünf Tagen

MH: Fünf Shows in fünf Tagen. Das war ein straffer Zeitplan ohne Gelegenheit, sich zwischen den Shows zu erholen. Wie anstrengend war das?

Yurii: Weißt du… für uns ist das ok. Ich denke, fünf Shows hintereinander sind im Grunde das Maximum, womit man sich immer noch gut fühlt und noch genug Energie hat. Dann lieber einen freien Tag.

Natürlich ist es wichtig, zwischen den Shows genügend Schlaf zu haben. Aber dieses Mal war alles in Ordnung, denn wir hatten keine großen Fahrten zwischen den Städten, und manchmal hatten wir sogar Zeit für einen Spaziergang. In Wroclaw und Köln zum Beispiel. Also ja, es war ziemlich entspannt und fühlte sich sogar wie ein kleiner Urlaub an. Vor allem im Vergleich zu unserer Herbst-Minitour 2021, als wir in einer Woche zwei Nachtfahrten von über 1000 km und vielleicht etwa vier Stunden Schlaf pro Nacht hatten.

White Ward in Siegen: Vorne der Sänger und Bassist, im Hintergrund einer der Gitarristen. Alles in kaltem, blauen Licht.

MH: Ihr musstet offensichtlich mit leichtem Gepäck reisen. Euer Merch bot zum Beispiel nur ein einziges Shirt-Motiv an. Musstet Ihr Euch auch für die Shows einschränken?

Yurii: Oh, nein! Wir hatten einfach viele Vinyls und CDs, die viel Platz im Bulli einnahmen, also beschlossen wir, uns nicht mit vielen Merch-Designs zu überladen und nahmen das zu dem Zeitpunkt neueste und beliebteste. Aber für die nächste große Tour werden wir diese Frage ernster nehmen! Wir sollten einen zusätzlichen LKW kaufen, haha! (lacht)

Und zum Glück keine Einschränkungen für die Show! Wir hatten alle benötigten Sachen dabei.

Interview mit White Ward: Bandmitglied Dima Dudko konnte wegen des Kriegs nicht dabei sein

MH: Gehört Dima Dudko am Saxophon nicht fest zur Band? Warum war Dima nicht dabei?

Yurii: Dima ist immer noch ein Mitglied der Band, aber in dieser Zeit war es wirklich schwierig für ihn, sich uns anzuschließen. Als der Krieg begann, zog Dima an einen sicheren Ort in der Westukraine, daher war es ziemlich schwierig, mit uns zu den Proben in Odessa zu kommen. Deshalb haben wir uns entschieden, dieses Mal ohne ihn zu touren und Playbacks für Saxophonparts zu verwenden. Aber es war eine kollektive Entscheidung, also gibt es kein Problem damit. Und jetzt ist die Situation deutlich besser, also hoffen wir, dass Dima bei der nächsten Tour dabei ist.

White Ward auf der Bühne, vorne mittig der Bassist, der auf sein Griffbrett blickt.

MH: Dima Dudko und einige Gastmusiker wurden als Aufnahme gespielt. Welchen Einfluss hat das auf Eure Shows?

Yurii: Ich denke, das ist eher eine Frage für die Fans, die zu den Shows gekommen sind. Sie sollen darüber urteilen. Denn für uns war alles gleich, wir hören nur vorher aufgenommenes Saxophon anstatt live gespielt in unseren Monitoren. Und es wird nur das Saxophon verändert, alle anderen Instrumente, wie Keyboards, waren alle als Playback live dabei.

Natürlich verstehen wir, dass es für uns in Bezug auf das „Spektakel“ der Aufführung offensichtlich ein Minus ist. Aber wir finden es so viel, viel besser, als gar keine Shows zu spielen. Außerdem haben wir die Fans gefragt, was sie darüber denken, bevor wir die Tour planten, und das Ergebnis war fast einstimmig.

Für die Live-Shows: Song „Debemur Morti“ neu arrangiert

MH: Eure Zugabe „Debemur Morti“ wurde für die Live-Shows neu arrangiert. Die EP-Version wird ursprünglich von Borknagars Lars Nedland gesungen. Ihr habt seinen cleanen Gesang durch Andriis Screams ersetzt. Warum ist das so? Wie verändert das den Charakter des Songs?

Yurii: Wir genießen es wirklich, diesen Song live zu spielen. Aber wir sind alle total beschissen im Singen. Bei den Proben oder zu Hause können wir uns etwas herauspressen, aber bei Live-Shows klingt es ehrlich gesagt schauderhaft. Also entschieden wir, dass es besser wäre, Lars‘ Parts einfach zu schreien oder es in ein Saxophon-Solo zu ändern. Weil der Versuch, seine großartigen Parts zu singen, wie der Versuch wäre, über unsere Köpfe zu springen.

Genau wie beim voraufgenommenen Saxophon verstehen wir, dass es nicht so cool ist wie die Originalversion, aber für uns ist es besser, als den Song überhaupt nicht zu spielen.

MH: Danke für das Gespräch. Und lasst mich Euch sagen, dass die Live-Version des Songs absolut großartig ist!

Ein camouflage-farbener Rucksack mit einem White-Ward-Aufnäher in den Landesfarben der Ukraine lehnt an zwei Instrumentenverstärkern.

Being On Tour In Times Of War: Interview With White Ward From Ukraine

White Ward from Odessa released a great album in April with False Light. The musicians had the chance to leave Ukraine for a 5-day tour in the fall. Metal-Heads.de spoke to the black metal band about touring in times of war in Ukraine.

MH: In times of war you had the chance to leave Ukraine just for a 5-days-tour through Poland, Germany and Czech Republic. You seized the chance to explain the war through your fans. How did they react?

Yurii: We decided not to “overload” our shows with a lot of words, so at each of the concerts, we managed only small speeches with words of thanks to people that support us and Ukraine during this war. 

I think the main goal of touring now is a representation of Ukrainian music and culture. To show people that there is a pure Ukrainian culture with a lot of great artists, musicians, writers, etc. And Russia want do destroy and erase it now, because they think that it all artificial and only russian culture really have a weight – sounds like a nazi idea, don’t you think? 

We would like people to realize that today they are see us live, listen to us playing music, but tomorrow than could see the post in Facebook, that someone of us died because of russian bomb or missile. It is reality now. 

Fortunately, reception on every show was awesome: a lot of people, a lot of merch sales and a lot of support. And we really appreciate it. 

Interview With White Ward: Five Shows In Five Days

MH: Five shows in five days. That was a tight schedule with no opportunity of recovering in between the shows. How exhausting was that?

Yurii: You know… we are ok with that. I think five shows in line is like near a maximum when you still feel yourself ok and still have enough energy. Then better to have a day off. 

Of course, it is important to have enough sleep between shows. But this time all was OK, because we did not have very big rides between cities, and sometimes we even had a time to have a walk. In Wroclaw and Cologne, for example. So yeah, it was pretty easy and even felt like a small vacation. Especially compared to our 2021 autumn mini-tour when we had two 1000 km+ night drives and maybe about four hours of sleep per night during that week. 

Nahaufnahme von White Ward. Der Sänger schreit wütend ins Mikrofon.

MH: You had obviously had to travel light. For example, your merch offered only one single shirt motif. Did you also have to restrict yourself for the shows?

Yurii: Oh, no! We just had a lot of vinyls and CDs that took a lot of space in the van, so we decided to not overload us with a lot of merch designs and took the latest and most popular one at the moment. But for the next big tour we will take this question more seriously! We should buy an additional truck, hehe! (laughs)

And no restrictions for the show, fortunately! We bring all needed stuff with us. 

Because Of The War: Band Member Dima Dudko Could Not Join The Tour

MH: Isn’t Dima Dudko on the saxophone part of the core of the band? Why was Dima not with you?

Yurii: Dima is still a member of the band, but for this time it was really difficult for him to join us. When war started Dima moved to a safe place in western Ukraine, so it was pretty difficult to join us at rehearsals in Odesa. That is why we decided to tour without him this time and use playbacks for sax parts. But it was a collective decision, so there is no problem with that. And now the situation is quite better, so we hope Dima will be with us on the next tour. 

MH: Dima Dudko and some guest musicians were played as a recording. What influence has this to your shows?

Yurii: I think this is a question more for the fans who have come to the shows. They should judge it. Because for us all was the same, we just hear pre-recorded sax instead of live in our monitors. And it is only changed with sax, all the other instruments, like keyboards, all were as a playback on live. 

Of course, we understand that it is obviously a minus for us in terms of the “spectacle” of the performance. But we think it anyway much much better than not to play shows at all. Also we asked fans what they thought about that before planning a tour and the result was almost unanimous.

For The Live Shows: Song „Debemur Morti“ Rearranged

MH: Your encore „Debemur Morti“ was rearranged for the live shows. The EP-version is originally sung by Borknagar’s Lars Nedland. You replaced his clean vocals by Andrii’s screaming. Why is that? How does this change the character of the song?

Yurii: We really enjoy playing this song live. But all of us totally suck at singing. On rehearsals or at home we can push something from us, but on live shows it sounds like a cringe, to be honest. So we decided that better will be just to scream Lars parts or change it to a sax solo. Because trying to sing his awesome parts is like trying to jump above our heads. 

The same as with the pre-recorded sax we understand that it is not as cool as the original version, but for us it is better than not to play the song at all. 

MH: Thanks for the interview. And let me tell you the live version of the song is absolutely great!

In eigener Sache

Und natürlich gibt es noch viele weitere News, Reviews und Live-Berichte aus der Szene der harten Töne bei uns. Um ja nichts zu verpassen, abonniert ihr am besten unseren kostenlosen Newsletter. Oder Ihr folgt uns bei Facebook. Die besten Bilder findet ihr dann bei Instagram. Und unser YouTube Channel hält schon jetzt einiges bereit. Schaut mal rein!

Newsletter bestellen für wöchentliches Update!

Bildquellen

  • White Ward Band: (c) 2022 Matt / metal-heads.de
  • White Ward Band 2: (c) 2022 Matt / metal-heads.de
  • White Ward Ukraine Patch: (c) 2022 Matt / metal-heads.de
  • White Ward Screaming: (c) 2022 Matt / metal-heads.de
  • White Ward Bühne: (c) 2022 Matt / metal-heads.de

Matt

In der Unterstufe Metallica und lange Haare. Heute vor allem Black- und Death-Metal, aber nur noch Buzz-Cut. Innere Langhaarigkeit muss reichen... ;)

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

vier × 1 =