WARDRUNA: „Kvitravn“

wardruna kvitravn

WARDRUNA veröffentlichen am 22. Januar 2021 mit „Kvitravn“ ihr fünftes Album, das uns mit wunderbaren Melodien und Geschichten Themen der nordischen Mythologie nahebringt. Doch nie geht es nur darum, die Vergangenheit zu (re)zitieren oder zu kopieren, sondern immer auch um die Bedeutung dieser Elemente für die Moderne, die aktuelle Situation des Einzelnen.

So sieht Einar Selvik es als Herausforderung an, „…alte Gedanken, Werkzeuge und Methoden …in Musik zu integrieren, die für die Moderne relevant ist“. .

Seit „Gap Var Ginnunga“ dem ersten Teil der Runaljod-Trilogie bin ich begeistert, wie WARDRUNA dies gelingt.

„Kvitravn“:  Lieder in den Dingen der Welt hören

„Kvitravn“ nimmt den Klang der Runen aus der Runaljod -Trilogie auf. Doch es geht um mehr: Es ist Musik, um die Lieder und Klänge in den Dingen der Welt erklingen zu lassen und Musik in der Verbundenheit mit der Natur und den Geheimnissen der Welt.

WARDRUNA arbeiten mit einer Symbolik, die Kulturen, die auf animistischen Traditionen basieren, gemeinsam ist. In den Legenden dieser Kulturen werden weiße Tiere (Kvitravn = weißer Rabe) als Geisterwesen hoch angesehen. Der Rabe, die Schlange und der Löwe, Elefant, Bär und Rentier als prophetische Boten, die Erneuerung bringen und wie eine Brücke die Welten verbinden. Dabei geht es auch um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Die Natur als ein Ort, an dem sich der Mensch anders wahrnehmen kann.

Verbindung zwischen Tradition und Moderne

Wardruna Einar Selvik

WARDRUNA verwenden historische Instrumente wie Rahmentrommel, Luren, Taglharpa, Flöten und dem Nachbau einer Trossingen-Leier. Auf „Kvitravn“ wurde ihr Klang selbst kaum bearbeitet, aber die technischen Möglichkeiten so weit genutzt, dass er modernen Hörgewohnheiten entgegenkommt.

Die Melodien vergangener Zeiten wurden hier nicht einfach übernommen, sondern aufgegriffen und übertragen. Auf diese Weise wird Altes mit Neuem und Tradition mit Moderne verbunden.

Die Texte greifen zwar alte Vorstellungen auf, sprechen aber Fragen an, die auch heute relevant sind. Einar Selvik hat dabei altnordische und protonordische genauso wie moderne Formen des Norwegischen verwendet. Die Metrik und Rhythmik der Lieder sind an die Gedichte der Skalden angelehnt.

An das Album kann man auf verschiedene Art herangehen: sich vom Rhythmus, den Melodien und den eindringlichen Stimmen in eine andere Welt entführen lassen oder der Symbolik folgen, über die Einar Selvik in Interviews und Videos einiges erzählt hat. Auch die Videos zu „Kvitravn“, „Grá“, „Andvevarljod“ und zuletzt „Skugge“ übermitteln viel von diesem Hintergrund.

 Die Symbolik als vermittelndes Element

Bevor ich auf die Lieder des Albums eingehe, möchte ich euch ein wenig über die Symbole erzählen, die WARDRUNA verwenden.

Der Rabe
Er ist das Symbol für Weit- und Voraussicht und ein spiritueller Vermittler. Er kann Wahrheit von Lüge unterscheiden und leitet den an, der sich Wissen aneignen möchte. Wissen, das man in sich selbst oder in der Begegnung finden kann. Munin und Hugin sind die Raben, die Odin als Boten und Späher begleiten. Munin steht dabei für das Gedächtnis und die Erinnerung und Hugin für den Gedanken, das Denken.

Der Schatten
Skugge ist die dunkle Seite in uns. Das Unsichere, dem man nicht entfliehen und das man nicht ‚fangen‘ kann. Auch der Schatten stellt eine Verbindung her zwischen dem, was wir im Innern sind, und dem, was von außen gesehen kann.

Ni – Neun
Schon klanglich hat die Neun die Nähe zum Wort ‚neu‘. Die Zahl neun kommt in den Sagen und Geschichten der Edda mehrmals vor. So gibt es z.B. die neun Welten Yggdrasils. Odin opferte sich selbst, um das Wissen der Runen zu erlangen. Diese Selbstopferung dauerte neun Tage.

Der Schutzgeist
Fylgja ist ein Schutzgeist, der eine Form eines (Totem)Tieres annimmt, das der Seele des jeweiligen Menschen gleicht.

Dein Lied rührt etwas tief in mir an – die Lieder des Albums

wardruna kvitravn cover

„Synkverv“ eröffnet mit wortlosem Gesang, Wind und Rauschen von Bäumen und sich langsam steigerndem Rhythmus der Trommel. Die Harfe spielt eine temporeiche zarte Melodie, die von Flöten und Stimmen aufgenommen wird. Und schon hier gibt es Harmoniewechsel, die Gänsehaut erzeugen können.

Der Rabe begrüßt uns in „Kvitravn“ und nimmt uns mit in eine andere Dimension. Mit seinem Krächzen verbinden sich Trommel und Einars skaldenhafter Gesang. Die ‚Unebenheiten‘ der Instrumente wurden durch die Technik geglättet und dabei ihre Tiefe hervorgehoben. Durch moderne Harmonien und das wunderschöne Zusammenklingen der Stimmen von Einar und Lindy-Fay entsteht eine tiefe Verbundenheit mit etwas Grundlegendem.

In „Skugge“ erzählen Wind, Wasser und mehrstimmiger Gesang. Durch Elemente, wie sie auch in schamanischer Musik zu finden ist und die Wiederholung von Textzeilen, wird der Schatten beschwört und um Antwort gebeten, da er die Wahrheit kennt.

 „Om eg lytter kan høyre” – wenn ich lausche, kann ich hören

„Grá“ Der Wolf, der in den Träumen jagt, begleitet von Trommel und Gesang. Akkorde, die aus einer tiefen Erinnerung zu kommen scheinen. Dieses Lied hat mich sehr beeindruckt und fasst zusammen, was dieses Album für mich ausmacht.

In „Fylgiutal“ weist die Harfe den Weg. Ein ruhiger Song, der dem Gesang und dem Text Zeit lässt, sich zu entfalten.

„Munin“, die Geschichte von Odins Raben. Ein Lied in dem Einar von der Sorge singt, dass der Gedanke, das Denken nicht zurückkommen und das Gedächtnis verloren geht.

Das Horn bestimmt des Klang von „Kvit Hjort“. Es ist eine Bewegung zwischen Welten, ruhig, beschwörend.

„Die Lieder tragen mich dorthin, wohin sie wollen“

„Visevelding“ die Jagd nach den Liedern, vereint die Instrumente und den Gesang zu einer Klanglandschaft, in der der Regen die Melodien zuflüstert und starke Lieder wie aus dem Nichts entstehen.

„Ni“ beschwört mit Wechselgesang und dem Rhythmus der Trommel die Zahl. Es geht nicht nur um die vielfältigen Möglichkeiten, diese Zahl zu verstehen, sondern auch um das Wissen um Heilung, Ganzheit.

Singe, bis das Lied dich singt

In den beiden letzten Lieder „Vindavlarljod“ und „Andvevarljod“ laufen alle Elemente zusammen und verbinden sich zu wunderbaren Klängen. Die Melodien fließen, flüstern, und wollen gefangen werden. Sie machen spürbar, dass es keinen Anfang und kein Ende gibt, das Schaffen und Geschaffen-Werden ein Kreislauf sind und wir nicht isoliert, sondern verstrickt und verwoben mit allem, das uns umgibt. Ein großartiger Abschluss.

Das Album kann den in eine andere Welt entführen, der den Melodien folgt, sich auf den Rhythmus einlässt. Hat man auf diese Weise einen Bezug gefunden, hat das Lied einen gefunden, kann man sich verwurzelt und gesichert fühlen und eingebunden, verwoben mit einem größeren Zusammenhang. Und sich so ganzer, heiler fühlen.

WARDRUNA und ihre musikalischen Wegbegleiter auf diesem Album

Neben Einar Selvik (Gesang und Saiteninstrumente) und Sängerin Lindy-Fay Hella sind auf „Kvitravn“ mehrere Gäste zu hören. So sind bei „Andvevarljod“ die norwegische Sängerin Kirsten Bråten Berg und ihre Tochter Sigrid zu hören. Außerdem sind der Multi-Instrumentalist Unni Løvlid, Ingebjørg Lognvik Reinholdt (Gesang) sowie Ziegenhorn- und Weidenflötenspieler Eilif Gundersen, der schon oft mit WARDRUNA zusammengearbeitet hat, mit dabei.

NEWSLETTER. FREITAGS. KOSTENLOS.

Bildquellen

  • Wardruna_photo_by_Arne_Beck: Sailor Entertainment pic by Arne Beck
  • Wardruna_Kvitravn_hi_res_artwork: Sailor Entertainment
  • wardruna kvitravn: sailor entertainment
Birgit

Birgit

Iron Butterfly und Jethro Tull haben mir gezeigt, dass es neben Uriah Heep, Black Sabbath und Whitesnake noch etwas anderes gibt. Neugierig geworden höre ich seitdem alles, was sich unter dem Oberbegriff Metal und Rock versammelt. Je nach Stimmung eher Metalcore oder instrumentalen Rock. Mein Herz hängt allerdings am ganzen Spektrum skandinavischer Metalmusik: ob nun Folk-, Progressiv oder Doom-Metal.

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

8 + 15 =