Ripe & Ruin: Interview mit Gordon Domnick

ripe & ruin interview

RIPE & RUIN veröffentlichen am 26. März 2021 eine weitere EP. „Infinite Monkey Theorem“ ist nach der ersten selbstbetitelten EP (2015), „The Eye Of The World”, der EP “Breakin’ Circles” und ihrem Debut-Album „Everything For Nothing” (2020) eine weitere EP mit – so viel sei schon mal angemerkt –  vier großartigen Rock-Tracks.

Da mir RIPE & RUIN insbesondere seit „The Eye Of The World” gut gefallen und ich mehr über die Band, ihre Arbeit, ihr Verhältnis zu St. Pauli und tippenden Affen wissen wollte, freue ich mich um so mehr, dass ich die Gelegenheit hatte, mich mit Gordon Domnick, Sänger und Bassist der Band, zu unterhalten.

„Like all good fruit the balance of life is in the ripe & ruin“

Hey Gordon, ich freue mich sehr, dass wir heute über Ripe&Ruin im Allgemeinen und auch über eure EP „Infinite Monkey Theorem“ sprechen können.

ripe and ruin band 2021

Ripe & Ruin werden meist als „Alternative-Rock-Band aus St. Pauli“ vorgestellt.
St. Pauli ist ja schon ein besonderer Stadtteil. Aber wie ist es dazu gekommen, dass St. Pauli als euer Standort genannt wird und nicht Hamburg? Also welche Rolle spielt der Stadtteil für dich/euch? Hat er eine besondere Bedeutung für eure Musik?

Wir haben alle viele Jahre lang auf St. Pauli gelebt. Der Stadtteil hat uns einfach geprägt. Die Extreme, der Schmutz, das Leid, aber auch die Freude, die Ekstase und die Leichtigkeit. Das sind alles Dinge, die St. Pauli in sich vereint. Ein quasi unerschöpflicher Pool an Geschichten und Inspiration.

Ripe & Ruin – wie ist es zu dem Namen gekommen? Wie weit ist er ‚Programm‘ oder ein roter Faden?

Das ist eine Frage die natürlich immer wieder aufkommt. Als wir uns damals kennengelernt haben, wollten wir, dass uns der Name sozusagen „vor die Füße fällt“. Es sollte etwas sein, das uns alle verbindet. Eine gemeinsame Freundin ist damals sehr jung bei einem Unfall ums Leben gekommen. In ihrem Zimmer stand ein Spruch an der Wand:„Like all good fruit the balance of life is in the ripe & ruin“.

Ist dieser Spruch für euch dann so etwas wie eine Herausforderung geworden?

Wir beschäftigen uns in unseren Songs viel mit Menschen, ihrem Leid und der verwirrenden, ungerechten und grausamen Welt, in der wir teilweise leben. Es passte einfach.

Rock: das musikgewordene „Nein“

Alternative-Rock‘ ist ja auch ein weites Feld. Ihr versteht eure Musik als „Gegenentwurf zu musikalischem Fast-Food“. Wie würdest du jemandem, der euch noch nicht kennt, eure Musik/euren Stil beschreiben?

Um ehrlich zu sein gar nicht. Ich finde es ist Zeitverschwendung Musik in eine Schublade einzuordnen. Einfacher ist zu sagen, was es nicht ist… nämlich schnell produzierte Musik aus der Dose. Jeder einzelne Ton ist hart erkämpft. Ob es am Ende gefällt oder nicht, ist dann nicht mehr unsere Sache.

gordon domnick

Corey Taylor (SLIPNOT) hat in einem Interview gesagt: „Der neuen Rockmusik fehlt es an Besonderheit.“
Was hältst du von solche einer Aussage? Hat er damit Recht?

Ich verstehe definitiv was er meint. Innovation findet momentan in anderen Bereichen statt. Ich höre zurzeit immer wieder Rockmusik, die eher nach hinten schaut. Fette Bluesriffs über wummernden Drums. Wirklich gute neue Rockmusik ist momentan schwer zu finden und das, obwohl die Message, die Wut, die der Rock verkörpert, das musikgewordene „Nein“ eigentlich aktueller denn je ist!

Worauf führst du diese ‚Rückwärtsgewandtheit‘ zurück?

Das Problem ist glaube ich, dass viele Rockmusiker einem sehr engen Narrativ folgen, um die Hörgewohnheiten ihrer Fans nicht zu verpassen. Verübeln kann man das aber niemandem. Es geht schließlich auch ums wirtschaftliche Überleben. Als Corey Taylor sagt sich sowas natürlich relativ leicht. Hoch oben aus dem Elfenbeintürmchen. Liebe Grüße übrigens…Grundsätzlich haben es junge Bands heute deutlich schwerer als früher. Ratschläge oder Kritik von oben haben deswegen immer einen faden Beigeschmack.

Da stimme ich dir grundsätzlich zu. Das ist ja auch Aspekte, die ich z.B. beim Schreiben von Reviews immer im Hinterkopf habe.
Meiner Ansicht nach trifft das, was Corey Taylor kritisiert, auf euch nicht zu. Denn betrachtet man die Songs, die ihr seit 2015 veröffentlicht habt, wird deutlich, dass es euch um Abwechslung geht und um Texte, die sich mit wichtigen (Lebens-)Fragen beschäftigen.  Du schreibst die Texte und kannst daher wahrscheinlich am besten sagen, worum es euch in den Texten und mit der Musik geht.

Es geht im Kern eigentlich immer um den Menschen und wie er in seiner Unzulänglichkeit der Sinnlosigkeit der Welt gegenübertritt. Die Abwechslung entsteht automatisch. Natürlich geht es mir an einem Montagmorgen anders als Samstagnacht. Ich frage mich ohnehin wie so viele Leute es hinbekommen, ein ganzes Album zu schreiben, auf dem jeder Song gleich klingt.

Ich folge eher meiner Stimme als dem Schlagzeug

Diese Frage wird wohl erst einmal unbeantwortet bleiben, da die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Band interviewe, die solch ein Album herausbringt, relativ gering ist.
Doch zurück zu dir: Wann hast du angefangen Musik zu machen? Und wann hast du gemerkt: das ist mein Ding, das will ich (ausschließlich?) machen? Gibt es ein zweites Standbein?

Mit 4 Jahren habe ich angefangen Klavier zu spielen. Das tue ich immer noch sehr gerne. Der Berufswunsch kam tatsächlich erst mit Anfang 20, nachdem ich Journalismus geschmissen hatte.
Ich wollte schon seit frühester Kindheit schreiben. Da war der Weg von Artikeln zu Songs dann nicht mehr allzu weit. Heute schreibe ich auch für andere Künstler, für Werbung und auch an einem Buch habe ich im letzten Jahr mitgewirkt. 

Du bist ‚die Stimme‘ von Ripe & Ruin und spielst auch den Bass. Es heißt, du würdest ihn nicht spielen wie ein typischer Bass-Spieler. Was machst du denn anders?

gordon domnick

Dadurch, dass ich gleichzeitig singe, bin ich in gewisser Weise limitiert. Ich vereinfache, wo es geht, und folge tendenziell eher meiner Stimme als dem Schlagzeug. Das führt unweigerlich zu Dingen, über die wohl die meisten Bassisten den Kopf schütteln würden. Außerdem komme ich von der Gitarre. Ich bearbeite den Bass des Öfteren mit einem Plektrum, was ja auch durchaus verpönt ist.

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist Ripe & Ruin für euch kein ‚Hobby‘, sondern ihr habt das Ziel, von der Musik zu leben. Bereits eure ersten Songs sind erfolgreich über Streaming-Plattformen verbreitet worden. Mit der ersten EP „The Eye Of The World“ seid ihr in diverse Spotify-Playlists aufgenommen worden.

Was sind Streamingplattformen für euch: Segen oder Fluch?

Es ist wie es ist. Hätten wir früher möglicherweise mehr Geld mit unserer Musik durch Verkäufe generiert? Wahrscheinlich. Kennen uns durch die Streamingplattformen mehr Leute als ohne? Auch richtig. Die Musikindustrie ist ein ziemlich hartes Pflaster und der Zauber geht schnell verloren, wenn man das Ganze zu sehr zu einem „Produkt“ werden lässt. Deswegen versuche ich mir darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen.

Von der Kirsche auf der Sahnetorte …

Ok. Außerdem seid ihr ja auch eine mitreißende Live-Band und habt schon in verschiedenen Formaten live gespielt. U.a. ein Headliner-Konzert im Molotow-Club oder auch als Support für MADSEN.

Welches Konzert war bisher euer bestes oder wichtigstes?

Das magischste war, denke ich, das „Southside Festival“. Auf der gleichen Bühne zu spielen wie die eigenen Helden ist einfach unbeschreiblich. Dieses High bekommt man nicht so oft.
Die wichtigsten waren aber die Konzerte der letzten Tour. Wir haben wahnsinnig viel über uns gelernt, menschlich, musikalisch und künstlerisch.

Und jetzt konntet ihr lange nicht auftreten. Wann habt ihr euer letztes Konzert gespielt? Was motiviert euch, wenn ihr nicht auftreten könnt? Denn in der Zwischenzeit ist ja eine neue EP entstanden.

Das letzte Konzert war ein kleines open air in Hamburg im September letzten Jahres. Da das Spielen auch vorher nicht die wichtigste Triebfeder war, fehlt es uns nicht an Motivation. Wir wollen Musik machen, gute Songs schreiben, uns weiterentwickeln. Das Spielen ist nur die Kirsche auf der Sahnetorte.

…und den tippenden Affen

Die momentane Sahne auf der Torte ist die EP „Infinite Monkey Theorem“. War das Gedankenexperiment von den endlos tippenden Affen, die dann eventuell zufällig auch Werke von Shakespeare schreiben könnten, der Ausgangspunkt für diesen Titel? Wenn ja, was bedeutet euch dieses Theorem in der aktuellen Situation/außerhalb solch eines Gedankenexperimentes?

Ich freue mich darüber, dass dir der Titel aufgefallen ist. Ich bin vor geraumer Zeit mal über dieses Bild gestolpert und habe uns irgendwie in diesem Affen wiedererkannt. Wir schreiben sehr viel. Die Sachen, die rauskommen sind wirklich nur die Spitze des Eisberges. Ob dann irgendwann auch mal ein Shakespeare dabei ist werden wir sehen. Außerdem beschreibt es irgendwie künstlerisches Arbeiten an sich: chaotisch, frei und nicht an Sinn & Zweck gebunden.

Habt ihr euch aufgrund der Corona-bedingten Situation für die EP mehr Zeit genommen oder auf andere Dinge geachtet als sonst?

Ich finde die Songs sind noch differenzierter, vielschichtiger geworden – ausgefeilter aber auch tiefer im klassischen Rock verwurzelt …

Wir hatten mehr Zeit als sonst. Definitiv. Was das die anderen Beobachtungen angeht, kann ich dazu nicht besonders viel sagen… man nimmt seine eigenen Songs sowieso immer anders war als jemand außenstehendes. Aber natürlich entwickeln wir uns als Musiker und Künstler ständig weiter.

Die Videos

Ihr nutzt ja nicht nur die Musik sondern auch kreatives Artwork und unterschiedlich gestaltete Videos. Da gibt es lustige (s. „Elephant“), ‚typische‘ die-Band-wird-bei-der-Performance-gefilmt Videos (s. „Stay“), gestaltete Lyric-Videos (s. „We Break. We Fail“) oder animiert (s. „Greed“).

Welche Rolle spielen Artwork und Videos?

Eigentlich eine unverzichtbar große. Sie schlagen die Brücke zwischen der Gedankenwelt des Künstlers und den Fans. Wir arbeiten grade an einem sehr aufwändigen Video für „Leaving Berlin“. Hier verbirgt sich auch bereits der springende Punkt. Musikvideos sind sehr aufwändig und bedürfen einer immensen Planung. Das fällt bei uns oft hinten über, weil wir dann doch lieber im Proberaum oder im Studio stehen.

Zu einigen eurer Songs (wie z.B. „Nothing“) gibt es eine Snow White Video – Session: in schwarz-weiß gehalten und mit Erwartungen bzw. Überraschung spielend, die in diesem Fall mit Gender Expression. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen? Welche Reaktionen habt ihr erhalten?

Wir brauchten eine Idee, die sich leicht umsetzen ließ und gleichzeitig mit einem starken Eindruck/ Überraschungseffekt um die Ecke kommt. Die Reaktionen waren ausschließlich positiv.

Der Mensch als „perfekter Fehler“

Die Songs der EP handeln u.a. von Fehlern, Unzulänglichkeiten und dem Umgang damit, aber auch davon, dass wir darum bemüht sind, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, es aber immer wieder schaffen, uns von einer Katastrophe in die nächste zu manövrieren. Der Mensch als „perfekter Fehler“. Ist dies eine Form der Akzeptanz, ein Aufruf, nicht so hart zu sich selbst zu sein oder eher eine Art Schulterzucken?

Weder noch. Es ist einfach eine Feststellung. Eine Beobachtung. Ich persönlich leide darunter. Was der Hörer mit dieser Information anfängt ist ihm überlassen.

Der erste Song der EP heißt „Everything I Ever Wanted“ – welche Wünsche und/oder Ziele hast du für Ripe & Ruin für die nächste Zeit?

Ich wünsche mir, dass wir nicht aufhören uns weiterzuentwickeln. Auch wenn das möglicherweise heißt, den ein oder anderen Hörer zu verlieren.

Gibt es noch etwas, das du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Unter Nutella gehört Butter! (Und die neue EP von DesRocs… gute neue Rockmusik!)

Vielen Dank für deine Antworten!

Die Review zu „Infinite Monkey Theorem“ erscheint demnächst hier bei Metal-Heads.de.

Newsletter bestellen für wöchentliches Update!

Bildquellen

  • ripe and ruin band 2021: Dock 7 Records
  • gordon domnick: @rambleontour
  • gordon domnick: @rambleontour
  • ripe & ruin interview: Dock 7 Records; @tno.photography

Birgit

Iron Butterfly und Jethro Tull haben mir gezeigt, dass es neben Uriah Heep, Black Sabbath und Whitesnake noch etwas anderes gibt. Neugierig geworden höre ich seitdem alles, was sich unter dem Oberbegriff Metal und Rock versammelt. Je nach Stimmung eher Metalcore oder instrumentalen Rock. Mein Herz hängt allerdings am ganzen Spektrum skandinavischer Metalmusik: ob nun Folk-, Progressiv oder Doom-Metal.

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sieben + dreizehn =