DONG Open Air 2026: Große Metalwelt auf kleinem Gipfel – und Stillstand neben der Bühne
Das DONG Open Air ist ein Festival der Gegensätze. Es ist klein genug, um überschaubar und beinahe familiär zu bleiben, holt aber Bands aus aller Welt auf die Halde Norddeutschland. Es besitzt nur eine Bühne, bildet darauf jedoch eine erstaunliche Bandbreite des Metal ab. Und während das musikalische Programm auch 2026 neugierig über die üblichen Genre- und Ländergrenzen hinausblickte, wirkte manches abseits der Bühne, als sei die Zeit stehen geblieben.
Über drei Tage führte das Line-up vom regionalen Nachwuchs bis zu international etablierten Namen. Am Donnerstag standen unter anderem die finnischen Melodic-Death-Veteranen Amorphis und Subway to Sally an der Spitze des Programms. Der Freitag spannte einen besonders weiten Bogen: von Hardcore und Black Metal über Folk, Melodic Death und Gothic Rock bis zum Reggae Metal von Skindred. Mit Satyricon war zudem eine der prägenden norwegischen Black-Metal-Bands vertreten.

Der Samstag setzte diese Offenheit fort. Zwischen Stoner Rock, Hard Rock, Thrash, Deathcore und Post-Black Metal standen Bands, die ihre jeweiligen kulturellen Hintergründe nicht hinter einer international vereinheitlichten Metalästhetik versteckten. Gangrena Gasosa verbanden Thrash und Hardcore mit afrobrasilianischen Rhythmen und religiösen Bezügen. Impureza brachten Brutal Death Metal, Flamenco und spanische Folklore zusammen. Und dann war da noch eine Band, die für mich zum besonderen Höhepunkt des Festival wurde.
Synsnake: KPop-Core aus Südkorea
Synsnake aus Südkorea gehörten nicht nur wegen ihrer Herkunft zu den ungewöhnlichsten Verpflichtungen des Festivals. Die Band bezeichnet ihre Musik selbst als „KPop-Core“ und verbindet modernen Metalcore mit elektronischen Elementen und einer deutlich von der koreanischen Popkultur beeinflussten Ästhetik.
Was zunächst nach einem etwas gezwungenen Genre-Etikett klingen könnte, erwies sich live als schlüssiges Gesamtkonzept. Harte Breakdowns, Screams und metallische Wucht trafen auf melodische Passagen, klare Gesangslinien und elektronische Klangflächen. Gerade diese Kontraste machten den Auftritt so reizvoll. Synsnake wirkten nicht wie eine weitere Band, die lediglich bekannte Metalcore-Formeln reproduziert, sondern wie ein Act mit einer eigenen musikalischen und visuellen Identität.

Damit standen sie exemplarisch für eine der großen Stärken des diesjährigen DONG: Das Festival präsentierte Metal als internationale Sprache, die überall anders gesprochen werden kann. Nicht allein die Nationalität einer Band schafft Vielfalt, sondern die Frage, ob unterschiedliche musikalische Traditionen, Szenen und kulturelle Prägungen tatsächlich hör- und sichtbar werden. Bei Synsnake war genau das der Fall.
Ein Line-up zwischen Ruhrgebiet und Weltreise
Überhaupt fiel auf, wie konsequent das Programm regionale Verankerung und internationale Ausrichtung verband. Bands aus Duisburg, Essen, Lünen, Voerde, Castrop-Rauxel und dem übrigen Ruhrgebiet beziehungsweise Nordrhein-Westfalen standen neben Acts aus Finnland, Norwegen, Dänemark, Portugal, Frankreich, Spanien, Israel, Mexiko, Brasilien, Südkorea und den USA.
Das DONG braucht dafür nicht mehrere Bühnen und keine kaum noch zu überblickende Masse an Acts. Gerade die Konzentration auf eine Bühne sorgt dafür, dass sich das Publikum nicht permanent entscheiden und über das Gelände hetzen muss. Jede Band bekommt zumindest grundsätzlich die Chance, vom gesamten Festival wahrgenommen zu werden.
Dabei setzt das Booking zunehmend auf stilistische Hybride. Neben klassischen Subgenres wie Thrash, Black Metal, Melodic Death und Hard Rock standen Verbindungen mit Reggae, K-Pop, Flamenco, brasilianischen Rhythmen, nordischer Mythologie oder orientalischen Klangwelten. Metal erschien auf der Halde nicht als abgeschlossenes Genre, sondern als musikalisches System, das Einflüsse aufnehmen, verändern und in neue Zusammenhänge überführen kann.
Diese Offenheit gehört inzwischen zu den überzeugendsten Eigenschaften des Festivals.

Alte Sprüche statt neuer Impulse
Dass Internationalität und musikalische Vielfalt allein noch keine zeitgemäße Festivalkultur garantieren, zeigte allerdings der Auftritt von Overkill. Die US-amerikanischen Thrash-Veteranen lieferten musikalisch das Erwartbare: schnörkellosen, druckvollen Old-School-Thrash mit jahrzehntelanger Bühnenroutine.
Weniger gut gealtert waren einige der Ansagen. Aufforderungen wie „Don’t be a pussy“ mögen als Teil eines betont rauen Thrash-Metal-Habitus gemeint sein. Im Jahr 2026 wirken solche Altherrensprüche jedoch weniger rebellisch als schlicht aus der Zeit gefallen. Härte muss sich nicht dadurch beweisen, dass Weiblichkeit weiterhin als Chiffre für Schwäche verwendet wird.
Das mag für manche nur eine beiläufige Bühnenphrase sein. Sprache prägt jedoch auch die Atmosphäre eines Festivals – besonders dann, wenn sich dieses durch sein Booking gleichzeitig als international und vielfältig präsentiert.
Alestorm lassen die Halde überschäumen
Den Abschluss übernahmen Alestorm. Dass die Schotten längst weniger für historische Piratenromantik als für eine vollkommen überdrehte Metalparty stehen, dürfte niemanden überrascht haben.
Zum großen Finale wurde die Halde zum Schaumbad. Schaum schoss in den hinteren Teil des Publikums, während eine riesige Badeente über den Köpfen thronte beziehungsweise durch die Menge wanderte. Spätestens hier war jede Restdistanz zwischen Bühne und Publikum aufgelöst. Aus dem Konzert wurde eine kollektive, herrlich alberne Abschlussfeier.

Ganz unbeschwert ließ sich der Effekt allerdings nicht betrachten. An den Toiletten warnten Schilder davor, dass es infolge der Schaumparty zu Wasserknappheit kommen könne. Das Wasser muss für das Festival aufwendig auf die Halde gepumpt werden. Vor diesem Hintergrund wirkte das Spektakel zwar visuell eindrucksvoll, in Zeiten von Trockenheit und Klimawandel aber zugleich erstaunlich aus der Zeit gefallen.
Man kann Alestorm musikalisch mögen oder ihre konsequent betriebene Selbstparodie anstrengend finden. Als letzter Act eines dreitägigen Festivals erfüllen sie dennoch eine klare Funktion: Sie schicken das Publikum nicht andächtig, sondern grinsend, durchnässt und mit Bildern nach Hause, die sich deutlich von einem gewöhnlichen Konzertabend unterscheiden. Gerade der Widerspruch zwischen ausgelassener Schlussinszenierung und fragwürdigem Ressourcenverbrauch blieb dabei als ebenso prägnanter wie ambivalenter Eindruck zurück.

Organisatorischer Stillstand
So überzeugend die Musik und die besondere Lage des Festivals bleiben, so ernüchternd fällt der Blick auf einige organisatorische und inhaltliche Begleitangebote aus. Bereits im vergangenen Jahr war die geringe Vielfalt neben der Bühne aufgefallen. Daran hat sich 2026 wenig erkennbar geändert.
Die Essensauswahl blieb weitgehend im bekannten Festivalstandard gefangen. Wer Pizza, Burger, Döner oder Fleisch im Brötchen suchte, wurde fündig. Wer abwechslungsreiche, gesündere oder konzeptionell interessantere Angebote erwartete, eher weniger. Gerade bei einem Festival, das musikalisch so gern über Grenzen blickt, wäre etwas mehr Neugier auch auf der Speisekarte wünschenswert.
Ebenso fehlten erneut Non-Profit-Organisationen, Initiativen und inhaltliche Stände. Festivals waren historisch nie ausschließlich Orte des Musikkonsums. Sie waren zugleich Räume gesellschaftlicher Begegnung, politischer Kommunikation, kultureller Auseinandersetzung und gemeinschaftlichen Engagements.
Es geht nicht darum, ein Metal-Festival in einen Infomarkt zu verwandeln oder dem Publikum pädagogische Programme aufzudrängen. Einige passend ausgewählte Organisationen könnten das Festival jedoch sinnvoll ergänzen: etwa Initiativen gegen Rechtsextremismus, Seenotrettungs- oder Menschenrechtsorganisationen, lokale Kulturprojekte oder Vereine aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Awareness und soziale Teilhabe.
Auch eine Kooperation beim Becherpfand wäre denkbar. Statt nicht eingelöstes Pfand faktisch im System versanden zu lassen, könnte eine Non-Profit-Organisation Becher sammeln oder die Möglichkeit erhalten, Pfandbeträge als Spenden entgegenzunehmen. So kennt man das von vielen anderen Festivals.
Pfand mit Gebrauchsanweisung
Das Pfandsystem selbst erwies sich nämlich als unnötig kompliziert. Beim Kauf eines Getränks wurden Pfandmarken ausgegeben, eine Erstattung der Marken war aber nicht möglich, folglich erfolgte eine Erstattung des Pfandes auch nicht im üblichen Sinne. Wer seinen letzten Becher zurückgeben wollte, musste wissen, dass dies ausschließlich außerhalb des Infields möglich war.
Diese Information war zumindest vor Ort nicht so deutlich kommuniziert, dass sich das Verfahren ohne Weiteres erschloss. Wer den Becher zuvor innerhalb des Infields abgab, stand anschließend ohne Becher da und musste im ungünstigsten Fall erneut Getränkemarken einsetzen, um noch einmal an einen Becher zu kommen, der dann draußen zurückgegeben werden konnte.
Ein Pfandsystem sollte Müll vermeiden und Rückläufe fördern. Sobald Gäste erst dessen innere Logik entschlüsseln müssen, verfehlt es einen Teil seines Zwecks. Eine klare Beschilderung an den Ausgaben, Rückgabestellen und Ausgängen wäre das Mindeste. Noch sinnvoller wäre ein Verfahren, bei dem der letzte Becher unkompliziert gegen Geld, eine digitale Gutschrift oder eine Spende eingetauscht werden kann.

Problematische Symbolik im Publikum
Deutlich schwerer wiegt eine andere Beobachtung. Auf dem Gelände waren wiederholt Shirts und Patches von Bands beziehungsweise Projekten zu sehen, die aufgrund rechtsextremer Bezüge einzelner Mitglieder, nationalsozialistischer Symbolik oder anderer schwerwiegender Kontroversen seit Jahren kritisch diskutiert werden. Dazu gehörten unter anderem Burzum und Nargaroth; auch Motive weiterer zumindest stark umstrittener Bands wie Dissection und Co. waren präsent.
Nach Rückfrage bei den Veranstaltenden ist so etwas ganz klar nicht erwünscht. Sichtbare Konsequenzen oder eine konsequente Ansprache der betreffenden Gäste waren allerdings nicht systematisch erkennbar (zumindest eine Person mit Burzum-Shirt wurde nach Metalheads-Recherchen des Platzes verwiesen). Der Eindruck entstand, dass man das Problem zwar nicht gutheißt, ihm aber auch keine besondere Priorität einräumt.
Natürlich kann kein Festival jeden einzelnen Patch bereits am Eingang musikwissenschaftlich und politisch überprüfen. Wo einschlägige Symbolik oder eindeutig bekannte rechtsextreme Bezüge sichtbar werden, braucht es jedoch eine klare Haltung und ein handhabbares Vorgehen. Dazu gehören transparente Regeln, geschultes Einlass- und Sicherheitspersonal sowie die Bereitschaft, Gäste zumindest anzusprechen und im eindeutigen Fall den Zutritt zu verweigern oder sie des Geländes zu verweisen.
Ein Festival, das auf seiner Bühne kulturelle Vielfalt aus Mexiko, Brasilien, Israel, Südkorea und zahlreichen europäischen Ländern feiert, darf gegenüber rechtsextremer Selbstinszenierung im Publikum nicht gleichgültig wirken. Vielfalt im Booking und Haltung auf dem Gelände gehören zusammen.
Fazit: Musikalisch weltoffen, daneben ausbaufähig
Das DONG Open Air ist und bleibt zweifellos ein besonderes Festival. Die Halde Norddeutschland ist eine der markantesten Metal-Festivallocations der Region. Die Konzentration auf eine Bühne schafft Übersichtlichkeit, Nähe und ein gemeinsames Konzerterlebnis. Das Booking verbindet regionale Nachwuchsförderung, internationale Szenegrößen, klassische Metaltraditionen und überraschende kulturelle Hybridformen.
Doch die Offenheit des Line-ups findet im organisatorischen und gesellschaftlichen Rahmen noch immer zu wenig Entsprechung. Die Gastronomie stagniert, Non-Profit-Organisationen fehlen, das Pfandsystem ist unnötig verwirrend und der sichtbare Umgang mit problematischen Bandmotiven bleibt zu passiv.
Das DONG schaut musikalisch weit über die Halde hinaus. Nun wäre es an der Zeit, diesen Blick auch auf das Drumherum zu richten.

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Bildquellen
- Gaerea – live Dong 2026 – 1: (c) 2026 Matt / metal-heads.de
- Dong 2026 – Festivalshirt: (c) 2026 Matt / metal-heads.de
- Gaerea – live Dong 2026: (c) 2026 Matt / metal-heads.de
- Alestorm – live Dong 2026 – 1: (c) 2026 Matt / metal-heads.de
- Dong 2026 – Wasserknappheit: (c) 2026 Matt / metal-heads.de
- Dong 2026 – Bühne: (c) 2026 Matt / metal-heads.de
- Dong 2026 – Ente im Schaumbad: (c) 2026 Matt / metal-heads.de
- Dong 2026 – Titelbild: (c) 2026 Matt / metal-heads.de


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