Anneke van Giersbergen: die Messe ist gelesen!

Anneke van Giersbergen - Live at Stevenskerk in Nijmegen - 13.05.2022 - Titelbild

ANNEKE VAN GIERSBERGEN blickt auf nunmehr 27 Jahre als Künstlerin zurück. Kurz ausgebremst durch eine gewisse Pandemie hat sie im Mai den Tourbetrieb wieder aufgenommen. Nach zwei Jahren Pause auf der Bühne ist die Idee einer Acoustic-Tour durch niederländische Kirchen geblieben. Allerdings hat sich die Setlist geändert. Und das aus gutem Grund.

Anneke van Giersbergen - Live at Stevenskerk in Nijmegen - 13.05.2022 - 013

Was „dazwischen gekommen“…

Statt bereits 2020 in klerikaler Kulisse aufzutreten und dann ein Album heraus zu bringen, lief es faktisch genau umgekehrt.

2021 erschien Anneke van Giersbergens viertes Album unter eigenem Namen. „The Darkest Skies Are The Brightest“ stellt deshalb die Mehrzahl der Songs auf der Tour. In Interviews zum Album hatte die 49jährige Sängerin bereits zu Protokoll gegeben, dass die Aussicht auf eine Präsentation unplugged das Songwriting beeinflusst hat.

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Zunächst ein Drink auf’s Haus.

Ausverkaufter Schauplatz des Konzertes am 14. Mai war die St. Stephans-Kirche (Sint Stevenskerk) in der Altstadt von Nijmegen. 350 Besucher wurden mit niederländischer Gelassenheit im Hauptschiff mit einer Flasche Mineralwasser versorgt und auf den überraschend bequemen Kirchenbänken platziert. Die Hochachtung vom Doc und mir hatte ein älterer Zuschauer, der schlauerweise mit einem Sitzkissen wie im Fußballstadion aufwartete.

Anneke van Giersbergen für alle Generationen

Apropos Alter: der Großteil der Leute gehörte zur Generation 50+, einige mit genretypischen T-Shirts. Zwei weitere Leute kamen in Kutte wie ich (Noblesse obligé…!). Anneke van Giersbergen indes kam im zartrosa Hosenanzug zu weißen Stilettos. Eine Stilempfehlung ihres Sohnes, wie sie später am Abend anmerkte.

Ingenieurskunst trifft Stimmtalent

Punkt 20.30h ging es los mit „Beautiful One“, einem Song von Annekes Bandprojekt AGUA DE ANNIQUE aus den 2000er Jahren. Ohne Rhythmusbegleitung nur mit der akustischen Gitarre vor dem Altarraum war die Stimme vom ersten Ton an raumfüllend „da“. Das 2022 nun 750 Jahre alte Hauptschiff der protestantischen Kirche hat eine „stehende“ Akustik ohne Nachhall. Die ungewöhnlich als Tonnengewölbe konstruierte Holzdecke verteilt die Musik ohne nennenswerte Verzögerung nach allen Richtungen. So ist auch eine zierliche Person wie die Brabanterin mit ihrer Singstimme markant im Vordergrund.

Die Mischung macht’s…!

„Love you Like I Love you“ und „Agape“ sind anschließend das erste Paar der sechs Songs vom erwähnten neuen Album. Bereits der Titel deutet jeweils darauf hin, dass hier keine Rockkracher dargeboten werden. Man muss sich bei den leisen Tönen immer wieder selbst vor Augen führen, wer da eigentlich singt. Anneke van Giersbergen ist keine ausgebildete Sängerin. Sie brachte Mitte der 1990er Jahre das mit, was sie in der Schule im Musikunterricht gelernt hatte. Der Rest? Talent. Und Disziplin. Nur so kann sie im dritten Jahrzehnt ihrer Karriere noch über diesen Range glaskarer Klänge verfügen.

Seelenverwandte

Die erste „echte“ Coverversion im Set stammt von KATE BUSH. Es handelt sich um einen der größten Hits der tanzbesessenen Engländerin: „Running Up That Hill“. In den Phrasierungen gelingt es Anneke van Giersbergen, dem Song einen eigenen Stil aufzuprägen. Die Rastlosigkeit, die das Lied behandelt, kommt lautmalerisch besser zum Tragen als beim ohnehin schon großartigen Original.

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Ein überraschendes Highlight

„My Mother Said“ erinnert an das bald zehn Jahre alte Vorgängerwerk von „Darkest Skies…“, nämlich „Drive“. Nach dem Trennungslied „Losing You“ kommt dann die Ankündigung, auf die alte Säcke wie ich gewartet haben. Anneke van Giersbergen leitet über zu ihrer Zeit bei THE GATHERING.

Der Doc ist zurück von der Fotosafari. Was kommt jetzt, fragen wir uns. Ein Stück aus den 1990ern, bestimmt. Aber selbst dann gäbe es ca. 15 Songs, die wir gleichermaßen abfeiern würden. Noch eine Kunstpause, dann brechen im Publikum alle Dämme. „Saturnine“ wird beklatscht und unchristlich bejohlt wie die Verkündung einer Band-Reunion mit THE GATHERING. Fünf Minuten schwelgen in den goldenen Zeiten. „If_Then_Else“ ist die Heimat von „Saturnine“. Das 2000er Album – who cares?

Schlag auf Schlag

Fünf Minuten dauert der viel zu kurze Retro-Trip. Gefühlt so lange dauert der Applaus. „Lo and Behold“ bewirbt erneut den jüngsten Output. Es folgt mit „Ih-Ah!“ eine augenzwinkernde Verbeugung Richtung DEVIN TOWNSEND. Mit dem kanadischen Prog-Tausendsassa hatte Anneke van Giersbergen immer wieder künstlerisch zusammengearbeitet.

Rheinische Zurückhaltung des Publikums in Köln…

Wenn man Anneke van Giersbergen dem Prog-Metal zuordnen möchte, ist es nur logisch, dass sie ihrerseits die Stammväter zitiert. Ohne PINK FLOYD hätten einige hundert Musiker seit den späten 1980er Jahren nicht diese musikalische Richtung des Rock bzw. Metal eingeschlagen. Mit „Wish you Were Here“ zollt Anneke diesem Umstand Tribut. Erstaunlich, wie auch dieses Stück ihren Stempel erhält. Ein weiteres Highlight des Abends.

Aller guten Dinge

… und aller musikalischen Danksagungen sind drei. Anneke van Giersbergens Landsmann und Freund ARJEN LUCASSEN hat ebenfalls wiederholt die Zusammenarbeit mit der Sängerin gesucht. Zuletzt 2018 findet sich Annekes Stimme auf AYREONs Album „Into the Electric Castle“. Davon präsentiert Anneke ihr alter ego mit „Valley of the Queens“.

Kein Weg zu weit

Die Eigenkompositionen „I Saw a Car“ und „Mental Jungle“ geben noch einmal einen Eindruck von den rockigen Fähigkeiten der Niederländerin. Mit „I Saw a Car“ zeigt Anneke van Giersbergen, dass sie sich sogar einen Ausflug Richtung Rockabilly zutrauen kann. Damit ist das Set eigentlich beendet. Eigentlich. Denn Anneke hat keine Lust, die 30 Meter von der Bühne zurück zur Sakristei zu laufen, nur um nach entsprechenden Zurufen wieder umzukehren. Also erwartet sie pragmatisch den wohlverdienten Applaus, um ein letztes Mal einen anderen Künstler zu ehren.

Viel zu früh…

… so beginnt Anneke van Giersbergen ihre Hommage an Chris Cornell von AUDIOSLAVE. Sein Tod 2017 machte alle Träume einer Reunion dieser Supergroup zunichte. „Like A Stone“ vom Debütalbum aus 2001 passt zu Anneke und an diesen Ort wie kaum ein zweiter Song der Alternative Rocker. „Hurricane“ beschließt dann dieses 90-minütige Erlebnis der Extraklasse.

Wir bedanken uns beim Team vom Club Dornroosje für die Einladung zu diesem Abend und das gewohnt sehr entspannte Handling an der Tür und mit dem Fotoshooting. Bedankt en tot ziens!

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Bildquellen

  • Anneke van Giersbergen – Live at Stevenskerk in Nijmegen – 13.05.2022 – 013: Foto by DocRock for metal-heads.de
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