Periphery und Gäste zerlegen die Essigfabrik

Sternzeit: 21.11.2015.

Es ist 19.15 Uhr und eine lange Schlange Metalsüchtiger wartet auf Einlass für den heutigen Fix. Eine der führenden Progressive Metalbands aus dem Genreableger des Djent haben heute gerufen, um den Junkies ihre Dröhnung auf Augen und Ohren zu verpassen: „Periphery“.  Mit im Gepäck sind die neu formierten „Good Tiger“ aus London, UK. Heutzutage ist man immer schnell dabei, etwas eine Supergroup zu nennen, aber „Good Tiger“ sind im weitesten Sinne genau das für Fans des Genres. Joaquin Ardiles und Derya Nagle sind die Ex-Gitarristen der jetzt leider aufgelösten „The safety Fire“, Elliot Coleman am Gesang (Ex-TesseracT), Morgan Sinclair am Bass und Alex Rüdinger (Ex-The Faceless) am Schlagzeug sind hier zusammengekommen. Die Namen lassen auf einen vielversprechenden Sound hoffen. Die zweiten Supporter des Abends sind die Chicagoer „Veil of Maya“, die uns Ihren Deathcore mit Djenteinschlag um die Ohren hauen wollen.

Wer seid das hier?

Mittlerweile hat sich auch die Essigfabrik gut gefüllt. Es sind sehr viele jüngere Leute anwesend, tragen Bärte, Tunnel und auch in geschlossenen Räumen Wintermützen. Ich sehe sogar Menschen, die sich bei ca. 4 Grad Außentemperatur mit kurzen Hosen hierher verirrt haben. Ich glaube, es handelt sich dabei um die Spezies der Hipster. Manche scheinen auch gerade erst vom Schulsport gekommen zu sein. Warum sollten sie sonst einen Turnbeutel auf dem Rücken haben?  Die Turnschläppchen haben viele gleich angelassen. Nun gut, wir sind ja keine Fashion Seite, und jeder sollte so herumlaufen, wie er mag.
 
Heute dauert der Einlass etwas länger. Aufgrund der traurigen Ereignisse in Paris, sind auch hier die Sicherheitsmaßnahmen erhöht worden. Noch genauer werden die Leute und ihre Taschen kontrolliert als sonst. Das stellt aber überhaupt kein Problem dar, denn das Personal der Essigfabrik und die Securityleute von CCS sind extrem freundlich und professionell. Das gibt einem das Gefühl von Sicherheit, welches gerade in dieser Zeit schwer zu erreichen ist.

21.11.15 Essigfabrik - Periphery-Good Tiger-Veil of MayaSchiffbruch mit Tiger?

Pünktlich um 20 Uhr fällt der Hammer. Lights out… „Good Tiger“ kommen auf die Bühne. Meine hohen Erwartungen werden vollends erfüllt. Während Dez und Jo ständig von einer Bühnenseite zur anderen laufen, bangen und zucken, wird kein Ton auf der Gitarre ausgelassen oder schräg gespielt. Die hohe Kunst des Stageacting. Sänger Elliot wirkt ein wenig zerbrechlich und man möchte ihm etwas Essbares auf die Bühne werfen. Seine Stimme jedoch ist kraftvoll und der Gesang meistens clean. Bei der ersten Single „Snake Oil“ wird aber auch richtig gegrölt. Auch das klappt wunderbar. In den ganz hohen Gesangsparts klingt seine Stimme extrem weiblich, was seine Performance am Mikroständer manchmal noch unterstreicht, wenn er etwas theatralisch daran auf und ab rutscht. Die Songs sind durchweg verspielt und bleiben selten im 4/4 Takt. Die Refrains sind eingängiger verfasst, so dass man bei mehrmaligem Hören schon mitsingen kann.

Die 30 Minuten des Auftritts gehen flugs vorbei. Mir hat’s gefallen und ich glaube, wir werden von „Good Tiger“ noch hören. Ich geh‘ mir in der Pause jetzt erstmal ein „Good Tiger“ T-Shirt kaufen. Merch zu kaufen ist heutzutage eine der wenigen Möglichkeiten, die man als Fan hat, der Band finanziell unter die Arme zu greifen, damit die erste CD nicht die letzte bleiben muss. Für mich waren „Good Tiger“ heute „Great Tiger!“

Hat jemand Walter White gesehen?

21.11.15 Essigfabrik - Periphery-Good Tiger-Veil of MayaBei Beginn des Auftritts von „Veil of Maya“ ist die Halle endlich voll. Es herrscht eine friedliche Stimmung. Das sollte sich auf der Bühne ab den ersten Klängen jedoch schnell ändern. Die Band besteht aus Marc Okubo an der Gitarre, Danny Hauser am Bass, Sam Applebaum an den Drums, und Neuzugang Lukas Magyar am Mikrofon. Geboten wird hier Deathcore mit Djentelementen. Es geht los mit den ersten fünf Stücken des aktuellen Longplayers „Matriach“. Die Energie, die von der Bühne ausgeht, bläst mich regelrecht um. Danny bangt sich am Bass die Seele aus dem Leib, Sam haut dermaßen in die Felle das einem Angst und Bange wird. Marc Okubo haut ein Riffgewitter nach dem anderen raus. Er spielt eine tolle siebensaitige Jackson Gitarre mit reversed Headstock in PINK. Das ist bei dem brachialen Sound das Letzte, was ich erwartet hätte. Schön, wenn man sich und das Genre nicht so bierernst nimmt. Marc springt wie ein aufgezogenes Männchen umher, während er seine super rhythmischen Riffs raushaut. Meist nur auf der tiefsten Saite und in vertrakten Timings gespielt. Klingt im Zusammenspiel mit Sam Applebaums schnellen Beats ultra hart. In manchen Beatdownparts dreht Marc sich im Kreis und verteilt dabei Roundhousekicks wie van Damme. Da wird mir beim Zuschauen schon schwindelig. Die Härte wird von Lukas Magyars tiefen guturalem Gesang noch unterstrichen. Zu Zeiten lässt man sich aber auch mal zu ein wenig cleanerem, melodiösen Gesang hinreißen, was die Sache doch etwas abwechslungsreicher gestaltet. Lukas sieht am Mikro ein bisschen aus wie Jesse Pinkman aus „Breaking Bad“. Muss mich nach dem Gig erstmal vergewissern, ob „Veil of Maya“ mit Tourbus oder Wohnmobil unterwegs sind. 😉

Make total Destroy

Last, but not least kommen um 21.50 Uhr Periphery, die Headliner des Abends, unter großem Applaus auf die Bühne. Matt Halpern sitzt als erstes hinterm Schlagzeug. Darauf folgen die anderen. Die drei Gitarristen Misha „Bulb“ Mansoor, Mark Holcomp und Jake Bowen, Bassman Adam „Nolly“ Getgood und Spencer Sotelo am Gesang. Periphery spielen eine Mischung aus Progressive Metal, Metalcore und Djent. Es ist ja immer schwer, Musik in Schubladen zu stecken. Die Bühnenpräsenz der sechs ist unglaublich. Misha grinst wie ein Honigkuchenpferd beim Spielen, und bückt sich manchmal bis ganz vorne an den Bühnenrand herunter, um Handshakes und Ghettofäuste ans Publikum zu verteilen. Die Ordner haben alle Hände voll zu tun um die in auf den Fotograben zusteuernden Crowdsurfer zu retten. Da brennt ordentlich der Baum.

21.11.15 Essigfabrik - Periphery-Good Tiger-Veil of MayaDer Sound von Periphery lebt von sehr rhythmisch gespielten Elementen auf meistens sieben- oder achtsaitigen Gitarren. Das Ganze wird im Zaum gehalten durch das Schlagzeugspiel von Matt Halpern, welches an ein leichtgängiges Schweizer Uhrwerk erinnert. Mark schlängelt sich mit seiner Signature PRS Gitarre oft um Adam herum, ans andere Ende der Bühne, um neben Misha zu stehen und den Leuten im Saal ordentlich einzuheizen. Misha hat selbstverständlich auch einige seiner Signature Jackson Gitarren mitgebracht, die ihm auf den Leib geschneidert wurden. Da wird dem Gitarristen im Publikum warm ums Herz. Bei so viel Verkehr auf der Bühne weiss man gar nicht, wo man hinschauen soll. Die Lightshow ist auch erste Klasse. Meist blaues oder rotes Licht, manchmal mit Stroboskop, alles passend zu den verqueren Beatsalven und pfeilschnellen Soli der Band. 

Spencer Sotelo hat das Publikum voll im Griff. Kleiner Mann, große Stimme. Von seidig weich bis röhrend hart ist alles drin. „22 Faces“ ist für mich der beste Track des Abends. Der Song beinhaltet alle musikalischen Seiten von Periphery. Harte, tiefgestimmte Rhythmusgitarren, absolut technisch brilliante ausgeklügelte Soli, eine tolle Rhythmusfraktion in Form von Adam und Matt sowie der Gesang von Spencer, der mal eingängig und melodiös im Refrain daherkommt, aber auch hart in den Strophen sein kann. Hier macht’s wiedermal die Mischung aus Allem, was Periphery so interessant macht. Gute Lightshow, viel Action auf der Bühne und eine spielfreudige sympathische Band. Schade, dass der Spaß nach 70 Minuten schon vorbei ist.

Das Ganze gab’s heute Abend für um die 20 Euro. Viel Musik und Spaß für wenig Geld. Scheint auch so zu funktionieren. Daran sollten sich andere Bands oder Veranstalter mal ein Beispiel nehmen.

Setlist Good Tiger:
 – All Her Own Teeth
 – I Paint What I See
– Aspirations
 – Enjoy The Rain
 – Snake Oil
 – Where Are The Birds
 
Setlist Veil of Maya:
 – Nyu
 – Leeloo
 – Ellie
 – Lucy
 – Mikasa
 – Punisher
 – Unbreakable
 – It’s Not Safe to Swim Today
 – Phoenix
 – Aeris

Setlist Periphery:
 – Muramasa
 – Ragnarok
 – Masamune
 – Psychosphere
 – The Scourge
 – Make Total Destroy
 – Icarus Lives!
 – The Bad Thing
 – Alpha
 – Graveless
Encore:
 – Memento (Haunted Shores Cover)
 – 22 Faces
 – Four Lights
 – Stranger Things


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Bildquellen

  • 21.11.15 Essigfabrik – Periphery-Good Tiger-Veil of Maya: (c) metal-heads.de - Chipsy
Chipsy

Chipsy

Mag am liebsten Prog, 80's Metal, Thrash und instrumentelle Gitarrenmusik. Gitarrenverrückter Gear Sammler.

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