DROWN IN EMBERS – Interview mit Reinhart Redel

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Gestern habe ich euch „Remembrances of the Argonaut“ von DROWN IN EMBERS als mein Debüt-Album des Jahres 2019 vorgestellt. Hier nun das Interview, das ich mit Reinhart Redel (Bass, Lyrics) geführt habe. Dabei wurde mir die Ehre zuteil, als erste den Namen des Protagonisten zu erfahren. Und ihr seid nun die nächsten.

DROWN IN EMBERS gibt es seit ca. 2012. Du hast dich damals mit Peter Lützeler und Martin Blum, mit denen du schon gemeinsam bei EXCHASED gespielt hast, zusammengesetzt, um ein neues Konzept zu entwickeln. Welche konzeptionellen Ideen hattet ihr zu diesem Zeitpunkt?

Als wir uns damals zusammengesetzt haben, ging es zunächst darum abzustecken, ob wir alle in die gleiche musikalische Richtung wollen. Denn sonst hätte die Gründung einer neuen Band keinen Sinn gemacht. Schließlich hatten wir 3 Jahre lang nicht mehr gemeinsam musiziert und hatten uns natürlich auch musikalisch in diversen Projekten weiterentwickelt. Es stellte sich aber recht schnell heraus, dass wir tatsächlich alle sehr ähnliche Vorstellungen davon hatten, wohin die Reise gehen sollte. Während wir bei EXCHASED meist sehr filigran und auf der Prog-Metal-Schiene unterwegs waren, war nach den ersten Gesprächen schnell klar, dass DROWN IN EMBERS deutlich mehr nach vorne und “auf die 12” gehen soll.

Einflüsse, Ideen, Anliegen und das Konzept

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Welche musikalischen Einflüsse spielten dabei eine Rolle?

Musikalische Einflüsse diesbezüglich gab es viele, aber auch hier waren unsere Präferenzen recht deckungsgleich. Zu nennen wären da natürlich SOILWORK, DREAM THEATER, TRIVIUM, THREAT SIGNAL und diverse andere. Es sollte also schon sehr hart sein, aber doch keine melodischen Anteile vermissen lassen. Damit war natürlich auch klar, dass wir gesanglich jemanden benötigen, der mindestens mal richtig “Rotz” in der Stimme hat, aber am liebsten eben shouten kann.

Kannst du das Konzept/die Ideen/ die Vorstellungen/das Anliegen, das hinter DROWN IN EMBERS steht, kurz umreißen?

Da wir alle ja nun mal nicht mehr die Jüngsten und auch nicht ganz neu in der Branche sind, war auch schnell klar, dass wir das ganze zwar als Hobby machen, aber trotzdem einen möglichst professionellen Ansatz und auch Anspruch an das Ganze haben. Angefangen bei einer vernünftigen Webseite, der Sicherung entsprechender Accounts in den unterschiedlichen sozialen Medien, sowie der Tatsache nichts zu veröffentlichen, was diesem Anspruch nicht gerecht wird, wie zum Beispiel Proberaumaufnahmen. Darauf aufbauend war auch die Namensfindung nicht ganz so einfach.

Bei allem ist Mehrdeutigkeit im Spiel

Wie ist der Bandname entstanden?

Wir hatten viele Ideen, die aber alle nicht unseren Vorstellungen oder Ansprüchen genügten, bis DROWN IN EMBERS ins Spiel kam. Darauf konnten wir uns schnell einigen, denn wie so vieles bei uns ist auch hier eine Mehrdeutigkeit im Spiel. DROWN IN EMBERS bedeutet übersetzt nun mal „Ertrinke in der Glut/Asche”, was schon ein Widerspruch in sich ist. Und natürlich ist das keinerlei Verherrlichung des Todes, denn dafür haben wir leider schon zu viele Freunde viel zu früh verloren.

2014 kam dann Jacques Moch als zweiter Gitarrist dazu. Gab es dadurch Veränderungen/Erweiterungen im Konzept bzw. dessen Umsetzung?

2014 hatten wir schon die ersten Songs geschrieben, und dass ein zweiter Gitarrist unumgänglich ist, war von Anfang an klar. Allerdings brauchten wir auch zunächst etwas Zeit, um Material zu entwickeln, bevor wir nach einem zweiten Gitarristen Ausschau halten konnten. Wir hatten vor Jacques auch einige Kandidaten im Proberaum, die aber alle entweder nicht die gewünschten Fähigkeiten mitbrachten, oder menschlich einfach nicht passten. Jacques hatte schon beim Abschiedskonzert von EXCHASED ausgeholfen und wir kannten ihn schon lange und wussten, was für ein hervorragender Gitarrist er ist. Wir haben uns aber anfänglich gescheut, ihn zu fragen, weil wir wussten, dass das, was wir machen, deutlich härter ist als das, was er bislang gemacht hat. Glücklicherweise haben wir ihn doch gefragt und er war sehr schnell komplett mit im Boot.

Klargesang oder …

2019 konnte nach längerer Suche ja auch die Position des Frontmannes besetzt werden.

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Zunächst sei hier angemerkt, dass Nicky schon seit 2018 an Board ist. Dass das Bandinfo 2019 sagt liegt daran, dass es bei uns diverse Rückschläge im Hinblick auf die Vocals gab, die uns gut und gerne zwei Jahre gekostet haben. Somit haben wir erst einmal eine Weile geschaut, ob wir nun wirklich endlich unser komplettes Lineup gefunden haben. Und das konnten wir dann 2019 endlich so bestätigen.

Ihr hattet ursprünglich einen Sänger gesucht, der über einen sicheren cleanen Gesang verfügt. Cleaner Gesang spielt auf dem Album aber nicht so eine große Rolle. Habt ihr viel darüber diskutiert, ob und in welchem Umfang Shouts und cleaner Gesang verwendet werden sollen?

Was Cleans und Shouts betrifft war das natürlich ein Diskussionspunkt. Wenn man sich die Einflüsse anschaut, wird sehr schnell klar, dass wir einen guten Mix aus Beidem sehr gerne haben. Andererseits war es uns wichtiger, einen wirklich guten Shouter zu haben, als jemanden, der jede Arie singen kann, aber keine Aggression rüber bringt. Und wenn jemand problemlos shouten kann, ohne die Stimme zu verlieren, dann stimmt da technisch schon mal sehr viel und es wird dann nicht so schwer, die Cleans noch zu entwickeln. Das war unser Ansatz diesbezüglich. Und im schlimmsten Fall gibt es ja auch noch die anderen vier Musiker, die über Zweit- oder Backingvocals Cleans beisteuern könnten.

… Shouts

Was hat dann letztlich dazu beigetragen, dass Nikita auf dem Album keinen Klargesang genutzt hat?

Dass es auf Remembrances of the Argonaut, abgesehen von „Infinity Declined”, keine Clean – Vocals gibt hat mehrere Gründe. Zum einen haben wir Nicky hier einfach freie Hand gegeben, seine Linien zu entwickeln. Und er fand Shouting einfach angemessen. Zum anderen haben wir bei den Aufnahmen durchaus überlegt, noch Cleans dazu zu packen, was aber zu den vorhandenen Linien nicht gepasst hätte und last but not least fallen wir ja in ein Genre, wo es schon fast Tradition ist, dass das erste Album fast nur geshoutet ist. Wie z.B. „Steelbath Suicide“ von SOILWORK,  „Embers to Inferno“ vpn TRIVIUM oder auch „Stand up and Scream“ von ASKING ALEXANDRIA.
Insgesamt war für uns aber wichtig, dass sich die Vocals in das Gesamtkonzept des Albums integrieren, was unserer Meinung nach definitiv so ist – auch ohne Cleans.

Ernsthafte Texte sind immer auch von persönlichen Erfahrungen beeinflusst

Die Texte stammen ja (bis auf zwei, die Nikita geschrieben hat) von dir. Sie wirken auf mich genauso bewegend und intensiv wie auch die Musik. Und schon die Form fällt auf: nicht das ‚klassische‘ Strophe-Refrain-Muster, sondern durchgängige Texte, die erzählen, berichten, Fragen stellen, Gedanken entwickeln. Dabei geht es ja um Wege, die sich als falsch herausgestellt haben, der Auseinandersetzung mit sich selbst, der Frage, wer man eigentlich sein will. Um Abhängigkeit und Abhängigkeiten und das Alleinsein. Welche Rolle spielen diese Themen in deinem Leben?

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Wow, ok, du hast da ja wirklich viel herausgelesen. Das ist genau das, was ich an Metalfans so liebe. Die beschäftigen sich nämlich tatsächlich mit den Aussagen der Texte. Und auch hier hast du schönerweise deine eigene Interpretation, worum sich die ganze Geschichte dreht.
Aber ja, die Grundzüge deiner Interpretation entsprechen schon weitestgehend dem, worauf die ganze Geschichte basiert, auch wenn sie eher zufällig entstanden ist.
Grundsätzlich glaube ich, dass niemand der (ernsthafte) Texte schreibt sich davon freisprechen kann, dass immer auch persönliche Erfahrungen und Erlebnisse mit einfließen. Oder wie es Ben Bruce von ASKING ALEXANDRIA so schön im Abspann von „Sometimes it Ends” sagte: „Being a musician and an artist I write about what’s doing me all the time”.

Bei ‚James‘, und du bist die erste, die hiermit den Namen unseres Protagonisten kennt, beruht das Ganze aber tatsächlich darauf, dass ich versucht habe, die Sage der Argonauten aus der griechischen Mythologie in die Moderne zu überführen. Superhelden wie Jason‘ gibt es in der heutigen Welt genauso wenig, wie das goldene Vlies. Und auch Verbannung taucht eher selten auf. Das Alleinsein resultiert bei James daraus, dass er mit der zu einfachen Denkweise seiner Mitstreiter nicht umgehen kann und sich dann versucht durch Drogen auf deren „Level” zu begeben. (Mehr dazu in einer kurzen Doku)

 „Genießt euer Leben und haltet an euren Freunden fest“

Infinity Declined“ betrachtet die Situation von ‚James‘ aus der Sicht des Freundes. Welche Rolle spielen Freunde?

Wichtig war mir aufzuzeigen, dass jeder von uns vielleicht mal einen falschen Weg einschlägt, aber echte Freunde jederzeit bereit sind uns aus so einer Scheiße raus zu holen. Und daher heißt es bei „Infinity Declined”: „Just grab that hand that’s reaching out! And live another day!”

Der Argonaut – welche Bedeutung hat er für das Album, die Texte und für dich?

Der Argonaut selbst ist, wie bereits gesagt, der Protagonist des Albums und ist somit halt auch der Charakter, der in den Texten seine Lebensgeschichte erzählt. Für mich selbst war es sehr spannend, mich beim Schreiben der Texte in diesen Charakter hineinzuversetzen und einfach mal eine fiktive Lebensgeschichte durchzuspinnen.

Die Argonauten haben – der Legende nach – gefährliche Felsen umsegelt. Spielt dies in den Texten/ in der Konzeption des Albums eine Rolle? Und was ist für dich das goldene Vlies, nach dem die Argonauten gesucht haben?

Die gefährlichen Felsen sind in diesem Fall die Drogensucht von James, die er leider nicht umsegeln konnte. Das goldene Vlies muss denke ich jeder für sich selbst definieren, auch wenn ich denke, dass es niemand je finden wird.

Aus der Perspektive des Freundes

„Infinity Decline“ trägt ja den Zusatz „A Retrospective of a Friend“. Heißt das, dass es eine reale Geschichte hinter diesem Song gibt?

Nein, das ist nicht der Hintergrund des Zusatztitels. Es ist ja so, dass James hier seine Lebensgeschichte erzählt. Bei „Infinity Declined” jedoch erzählt ein Freund von ihm Teile der Geschichte wie ER sie erlebt hat. Deshalb wird der Song auch nicht von Nicky gesungen sondern von Jon Howard (s. THREAT SIGNAL, IMONOLITH, VICE VERSA)

Wie ist es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Jon Howard gekommen?

Die Zusammenarbeit mit Jon war ein glücklicher Zufall. Wir waren damals (2014) ja noch auf Sängersuche und wollten trotzdem schon mal zeigen, dass es uns gibt. Deshalb haben wir beschlossen, eine Single mit einem Gastsänger zu veröffentlichen, auch um potentiellen Sängern zu demonstrieren, in welche Richtung es gehen soll.

Damals stand ich noch in Kontakt zu Dirk Verbeuren (Ex-SOILWORK, MEGADETH), den ich gefragt habe, ob es eine Möglichkeit gäbe, dass Björn “Speed” Strid (SOILWORK, THE NIGHTFLIGHT ORCHESTRA) das Ding für uns einsingt. Da ein direkter Kontakt nicht möglich war, konnte ich über Umwege Jon erreichen und habe einfach mal gefragt, ob er das machen würde. Er hat sofort zugesagt und seitdem steht die Zusammenarbeit auf vielen Ebenen, denn er war es auch, der „Remembrances of the Argonaut” letztendlich gemixt und gemastert hat.

Welchen Einfluss hat er dabei auf das Album genommen?

Kreativ hat er aber, abgesehen von „Infinity Declined”, wo er natürlich die Vocal Lines entwickelt hat, keinen Einfluss genommen, supported uns aber wo er kann.

Songwriting, Texte und Musik

Wie ist das Songwriting bei euch verlaufen? Bist du mit deinen Gedanken/Ideen zu den Texten zu den anderen gekommen und ihr habt diese dann gemeinsam musikalisch umgesetzt?

Nein, tatsächlich war es genau umgekehrt. Da wir ja keinen Sänger hatten, haben wir einfach Songs geschrieben. Und irgendwann war es uns zu blöd, die Dinger „Song 1”, „Song 2”, „Song 3” zu nennen. Daraufhin ist Pete hingegangen und hat sich einfach Namen überlegt. Als sechs Namen standen, habe ich gesehen, dass, wenn man die in eine entsprechende Reihenfolge bringt, daraus eine Geschichte werden könnte. Und dadurch kam es dummerweise dazu, dass das ganze Ding ein Konzeptalbum wurde. Musikalisch läuft es jedoch immer so, dass einer von uns (meistens Pete) eine Idee mit in den Proberaum bringt, und wir dann gemeinsam daraus einen Song basteln.

Auf der Innenseite der CD-Hülle befinden sich die Songtitel als Überschriften über Textzeilen, die nicht aus den Texten dieser Songs stammen. Im Zusammenhang gelesen wirken sie wie die Rahmengeschichte zum Album. Ist das nur meine Idee dazu oder was hat es damit auf sich?

Nochmal wow! Exakt so ist es. Diese kleinen Dreizeiler sind quasi der Klappentext zu jedem Song.

Musik und Artwork

Auf DROWN IN EMBERS bin ich u.a. wegen eures Logos aufmerksam geworden. Gehören Artwork und Musik für euch zu einem Gesamtkonzept?

Bedingt! Aber eigentlich schon. Das Artwork muss schon mit der Musik harmonieren. In unserem Fall wäre es denkbar kontraproduktiv, wenn wir bspw. ein schwer lesbares Logo im Black Metal Stil hätten. Nicht, dass unser Logo leicht lesbar wäre, aber es drückt auch ein wenig die Komplexität unserer Musik aus. Noch dazu ist das Ding ein wunderbares Ambigram. Auch das Cover-Artwork von „Remembrances of the Argonaut” spiegelt das wider. Wer wirklich tief in die ganze Geschichte eintaucht, wird merken, dass die Reminiszenzen an die Phrenologie im Artwork nicht von ungefähr kommen. Gleiches gilt für das Booklet im „Papyrus-Stil”.
Wir legen also durchaus sehr viel Wert darauf, dass das Gesamtpaket stimmt.

Gibt es noch etwas, das du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Wenn euch die Welt Zitronen gibt, fragt nach Salz und Tequila!
Aber ganz im Ernst: Auch wenn im Metal viel über den Tod geredet wird, und wir auf unserem Album sogar die Sterbegeschichte eines Menschen erzählen, nutzt bitte die Musik, um eure Aggressionen auszuleben und tut das nicht an euch selbst oder anderen! Der Tod ist zu endgültig, um ihn auf die leichte Schulter zu nehmen. Genießt euer Leben und haltet an euren Freunden fest! Letzteres ist auch ein Statement, das dieses Album rüberbringen soll.

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Birgit

Birgit

Iron Butterfly und Jethro Tull haben mir gezeigt, dass es neben Uriah Heep, Black Sabbath und Whitesnake noch etwas anderes gibt. Neugierig geworden höre ich seitdem alles, was sich unter dem Oberbegriff Metal und Rock versammelt. Je nach Stimmung eher Metalcore oder instrumentalen Rock. Mein Herz hängt allerdings am ganzen Spektrum skandinavischer Metalmusik: ob nun Folk-, Progressiv oder Doom-Metal.

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