Chester Bennington – Ein Nachruf aus dem Dies­seits

Chester Bennington - Ein Nachruf aus dem Dies­seits

Chester Bennington – Ein Nachruf aus dem Dies­seits

„I don’t like my mind right now, stacking up problems that are so unnecessary“ Die ersten Zeilen aus der ersten Linkin Park-Single „Heavy“ zu dem Album „One More Light“ beschrieben den Zustand von Chester Bennington vor seinem Tod leider ziemlich genau. Jener nahm sich am 20. Juli 2017 das Leben und hinterlässt eine Ehefrau, sechs Kinder, die Bands Linkin Park & Dead By Sunrise sowie Millionen von Fans. Jene düstere Gedanken gewannen nach und nach die Kontrolle über Chester, trieben ihn immer wieder im Laufe seines Lebens in tiefe Depressionen und schließlich in den Freitod. Wie er sich in den letzten Stunden und Minuten gefühlt haben muss, um so eine schreckliche Entscheidung zu treffen, dies bleibt für die Nachwelt für immer verborgen. Erst vor wenigen Monaten sprach der Linkin Park-Frontmann im Interview über seine Depressionen und das letzte Jahr, welche im nachhinein betrachtet als ein Hilferuf interpretiert werden können:

 

Als die Nachricht an dem Juliabend auch die Redaktion erreichte, fielen die Meinungen und Gefühle gemischt aus. Ist dies eine Meldung wert? Wer schreibt was? Schreibt wer überhaupt was dazu? Wieso musste dies passieren? Waren u. a. die offenen Fragen und Reaktionen. Ich, Kjo, bin im Team mit 28 der jüngste Redakteur und mit der Musik von Linkin Park bzw. Chester aufgewachsen, auch wenn ich die Band in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv wie noch vor 17 Jahren verfolgt habe. Ein Großteil „meiner Generation“ ist mit Bands wie KoRn, Limp Bizkit, Slipknot und auch Linkin Park während der wilden New Metal-Zeit aufgewachsen. Keiner dieser Generation kann ernsthaft behaupten, nicht mindestens ein Album von Linkin Park zu besitzen, ein Lied zu kennen oder in der Disco dazu gemosht/getanzt zu haben. Viele verbinden daher mit der Musik der Kapelle etwas. Einige mehr, einige weniger…

Once Upon A Time

…Der erste Kontakt zu der Musik kam 2001, als „One Step Closer“ als Titelmusik für den Film „Das Experiment“ im Trailer im Fernsehen rauf und runter lief. Der Überhit der Band lief daraufhin auf hot rotation in den Musiksendern MTV, Viva und Viva+. Bis 2 Jahre nach der Veröffentlichung zu „Hybrid Therory“ zog sich die Promophase der Band und es folgten die Musikvideos „Papercut“, „In The End“ und „Crawling“. Jeder meiner Freunde kleidete sich zur damaligen Zeit wie Fred Durst (Stichwort Red Cap), trug Skater Klamotten, färbte sich auffällig die Haare oder trug ein Worker-Hemd von Dickies.

Um die Wartezeit zum Nachfolger zu überbrücken, veröffentliche man das Hybrid Theory Remix-Album „Reanimation“ mit Beiträgen von u. a. Jay Gordon (Orgy), Johnathan Davis (KoRN) und Marilyn Manson. Dies sollte auch mein erstes gekauftes Album der Band markieren. Die Platte besitze ich heute noch und muss als Grafiker sagen, dass die ersten 3 Alben von der Gestaltung her den Sound der Band aus Rap, Metal und Rock am besten treffen. „Meteora“ erschien keine 10 Monate nach dem Remix-Album und knüpfte nahtlos an den Vorgänger an. Auch wenn die Band die Platte als ein „Album auf Nummer sicher bzw. Kopie vom Debüt“ beschreibt, bleibt das Stück eines der besten in der Diskografie und eines meiner persönlichen TOP 10 Teenager Years Records. Nach wenigen Jahren hat die Gruppe mit 2 Studioalben, einem Remixalbum sowie einem Crossover-Projekt mit Jay-Z mehr als 60 Millionen Tonträgern verkauft und gilt damit als DIE erfolgreichste Nu-Metal Kapelle!

 

2007 folgte „Minutes to Midnight“ und markierte eine Änderung im Sound und Auftreten der Band. XL-Shirts, Sneaker und der Skater-Look wurden ausgetauscht und durch Lederjacke, Hemd und edle Schuhe ersetzt. Obwohl das Album trotz der vielen Veränderungen hörbar war, habe ich seit einem Interview mit Mike Shinoda und 1Live mit der Band (fast) komplett abgeschlossen und sie nur noch über das Radio verfolgt. Aussagen wie, „Wir waren nie ein Teil von Nu Metal oder haben uns nie dazugehörig gesehen mit den anderen Bands“ (deswegen tourte man mit Bands wie Deftones, Hed Pe, Incubus, Korn und ließ jene für „Reanimation“ die Lieder remixen) oder auch „Die Presse hat uns in diese Ecke gedrängt“ war als (ex-)Fan dann doch etwas zu viel des Guten an Ablehnung.

Der Stern der Band ging jetzt erst richtig auf

Der Sound wurde Radio- und Club-tauglicher, die Lieder tauchten in Hollywood Produktionen auf oder wurden für u. a. die EM 2012 als Titelstück gewählt. Die Band füllte nach und nach immer größere Arenen. Doch durch die Änderung im Sound und auch Lyrics wurden auch die Kritiken immer lauter wie zu dem aktuellen Album „One More Light“. Als man Anfang 2007 „Heavy“ ankündigte, war die Euphorie sehr sehr hoch. Heavy? Linkin Park? Das Stück MUSS purer Rock sein. Doch weit gefehlt…sehr weit. Nicht nur ich, sondern auch das halbe InternetZ drehte durch. Was folgte? Ein großer Shitstorm gegen die Band. Frontmann Chester regte sich besonders in den Interviews über die Aussagen der Fans auf und sagte z. B. „Man sollte nach vorne gucken, auf das was die Band jetzt macht und nicht bei „Hybrid Theory“ kleben bleiben“. Besonders der Vorwurf die Band sei sell out, schmerze den verstorbenen Frontmann sehr und er „könnte jedem eine reinhauen, der dies zu ihm sagt“. Ob die negativen Kritiken auch ausschlaggebend waren für den Tod?

Düstere Vergangenheit als Quelle für den Erfolg und Niederlage

Bereits 2005 gründete Chester mit Ryan Shuck und Amir Derakh ein Nebenprojekt, aus dem Dead By Sunrise hervor ging. Hinter der Band stecken die Jungs von Julien-K, die aus Amir Derakh, Ryan Shuck, Anthony Valcic und Frank Zummo bestehen. Die Zeit markierte bereits eine sehr dunkle Phase in dem Leben des Sängers, die aus der Scheidung von seiner Frau, der Pause mit Linkin Park und diversen Streitereien mit der Plattenfirma resultierte. U. a. befand er sich laut eigener Aussagen in einer „selbstzerstörerischen Verfassung“ und fragte sich „buchstäblich, ob er es bis zum nächsten Tag schaffen würde“. Über die musikalische Ausrichtung sagte Chester im Interview:

Ich schrieb ein paar Songs, die sich gut anhörten und anfühlten, jedoch wusste ich, dass sie vom Stil her nicht richtig zu Linkin Park passten. Sie waren dunkler und düsterer als alles, was ich je für die Band schrieb. Deshalb beschloss ich, sie für mich alleine zu bearbeiten anstatt sie zu verändern und zu Linkin-Park-Titel werden zu lassen.

 

Persönlich gefiel mir das Debütalbum „Out of Ashes“ sehr gut, da es viel rockiger und düsterer als „Minutes to Midnight“ ausfiel. Gemeinsam mit einem Freund (ich an der Gitarre und er am Schlagzeug) spielten wir das Stück „Crawl Back In“ nach und versuchten einen ähnlichen Sound zu kreieren.

Was mich bereits mit 28 nervt, ist die Tatsache, dass viele talentierte Musiker zu früh von uns gehen (oder gegangen sind) zu denen man einen Bezug hat. Wayne Static (Static-x), Dave Brockie (Gwar), Matt Holt (Nothingface), Kurt Cobain (Nirvana), Chris Cornell (Audioslave, Soundgarden), Scott Weiland (Stone Temple Pilots), Dimebag Darrell (Pantera, Damageplan), Elvis und nun auch Chester (Lemmy und Freddie Mercury gehören zum erweiterten Kreis). Was bei allen, abgesehen von Dimebag, auffällt: viele hatten mit Problemen aus der Vergangenheit zu kämpfen und verarbeiteten dies in der Kunst, verloren sich in einer Sucht, um die Probleme auszublenden und verzweifelten trotz Erfolg und Ruhm daran. Dies zeigt, dass auch Stars mit Millionen verkaufter Platten und Millionen von Fans nur Menschen mit Gefühlen sind und keine Maschinen. Wie groß die innerlichen Qualen von Chester waren, will man sich nicht ausmalen, doch konnte man sie deutlich in der Musik hören. Man kann nur hoffen, dass Künstler mit ähnlichen Problemen sich helfen lassen und sich nicht in einer Sucht verlieren, die sie beherrscht.

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Bildquellen

  • Chester Bennington – Ein Nachruf aus dem Dies­seits: (c) Kjo | metal-heads.de
Kjo

Kjo

Die Basis für den Lärm den ich heute höre, legten in meiner Kindheit Elvis und The Rolling Stones. Beide Künstler sind „always on my mind“.

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