Verzaubert in Oberhausen: Enchant

Enchant und Hasse Fröberg & Musical Companion im Zentrum Altenberg

07.10.15 Zentrum Altenberg

Enchant haben 2014 nach zehnjähriger Abstinenz wieder ein Studioalbum veröffentlicht. Ebenso wenig hat man sich auf deutschen Bühnen sehen lassen. Umso mehr freue ich mich heute Abend auf ein tolles Konzert. Mit von der Partie sind Hasse Fröberg & Musical Companion aus Uppsala in Schweden. Hasse Fröberg ist seit 1997 Mitglied der Flower Kings, einer weiteren schwedischen Größe im Prog-Genre. Das verspricht schon mal auf dem Papier ein kurzweiliger Abend zu werden.

Progressiver als ein schwedisches Holzregal

Als um kurz nach 20 Uhr Hasse Fröberg und seine Musical Companions die Bühne betreten, ist die Halle leider gerade mal zur Hälfte gefüllt. Das lassen sich die Musiker aber nicht anmerken und beginnen nach einem kleinen Intro mit „Can’t stop the Clock“. Der Song feuert sofort aus allen Rohren. Stakkato Drums und direkt mal ein kleines melodisches Gitarrensolo von Gitarrist Anton Lindsjö zu Anfang.
Obwohl ich keinen einzigen Song der Band kenne, ziehen sie mich sofort in ihren Bann und ich bekomme eine Gänsehaut. Das ist Prog vom Feinsten.

Auch der zweite Song „Everything can change“ schlägt in die gleiche Kerbe. Es wird gerockt was die Instrumente hergeben.

These Boots are made for rockin'

These Boots are made for rockin‘

Hasse Fröberg spielen rockig und erdig, dabei aber auch verspielt wie man es aus dem Genre kennt. Nach dem langsameren „Godsong“ folgt „Pages“, eine fünfzehnminütige Perle aus der Feder von Drummer Ola Strandberg. Hasse Fröberg hat eine Wahnsinnsstimme, einmal rau und rockig andererseits klar und hoch. Ein Frontmann, wie er im Buche steht. Das alles erinnert doch sehr an eine Rockshow aus den siebziger Jahren, gepaart mit virtuosem Spiel und einer Band, die eindeutig Spaß an dem hat, was sie da macht.
Die Zuschauer gehen gut mit und feiern die Band nach jedem Song. Als letzter Song wird „Fallen Empire“ vom ersten Longplayer gespielt. Es wird nochmal alles gegeben. Am Ende sind Band und Publikum zufrieden. Klasse Auftritt einer routinierten Band. Mir hat es viel Spaß gemacht, und dem Applaus nach auch den anderen Zuschauern. Ich freue mich, wieder eine neue Band kennen gelernt zu haben und ihre Alben werden auf dem heimischen Player sicherlich noch einige Male rotieren. Ich hoffe, dass Hasse Fröberg und seine Musical Companions nochmal den Weg auf eine deutsche Bühne finden.

Umbau mit Hindernissen

Ja, das ist sie, die leidige Umbaupause. Heute dauert sie etwas länger als sonst. Geschäftig laufen Roadies, Musiker und andere Beteiligte über die Bühne, um alles so herzurichten, dass die Band ihren Job erledigen kann. Nachdem es so aussieht, als könne es losgehen, lange Gesichter in der Keyboardecke. Eines der beiden Keyboards hat den Geist aufgegeben, wird wieder abgebaut und hinter die Bühne gebracht.
Freundlicherweise stellt Kjell Haraldsson, Keyboarder von Hasse Fröberg, Bill Jenkins sein Instrument zur Verfügung.

Zwischendurch kommt Ted Leonard (Sänger/Gitarrist von Enchant) auf die Bühne und entschuldigt sich für die lange Wartezeit. Es läge an dem kaputten Keyboard sagt der sympathische Sänger lachend, und nicht daran, dass man sich Backstage gerade noch ein paar Lines Koks reinziehen würde. Kurz darauf erschallt das Intro und Enchant betreten die Bühne. Endlich!

Hokus Pokus

„At Death’s Door“ von „A Blueprint of the World“. Guter Opener. Die Fans freuen sich in der mittlerweile besser gefüllten Halle. Füße wippen und Köpfe nicken im Takt. Mancher lässt sich auch zu kleinen Bewegungen hinreißen, die Tanzen ähnelt. Viel mehr kann man von Prog-Rock Zuschauern nicht erwarten. Headbangendes Publikum gibt es hier nicht. Also alles ganz normal.

Mit „Sinking Sand“ folgt eine astreine Rocknummer. Hier kommt Ted Leonards Stimme super zur Geltung. Gefühlvoll, melodiös, einfach verzaubernd. Ed Platt, Bassist der Band tänzelt den ganzen Abend im Groove über die Bühne, den er und Schlagzeuger Sean Flanegan selbst punktgenau gelegt haben. Es ist eine wahre Freude, den Herrschaften beim Grooven zuzusehen. Ed bearbeitet seinen Headless Factor 4 Bass ähnlich wie Mark King, ein paar Slapeinlagen hier und mit Fingern gespielter Rhythmus da.

Bei „Monday“ nochmal ein großer Auftritt der Stimme von Ted. Ein langsamer, balladenhafter Song mit zuckersüßem Refrain. Überhaupt ist das ein Trademark von Enchant. Die zuckersüßen Passagen tauchen immer wieder auf. Kein Wunder, dass dies auch Spocks Beard nicht entgangen ist, bei denen Ted Leonard nach dem Ausstieg von Nick D’Virgilio nebenbei auch noch das Mikro schwingt.

Bei „Aquaintance“ nimmt Ted jetzt die Gitarre in die Hand, um Flitzefinger Doug Ott rhythmisch zu unterstützen. Ted zupft das Intro zu dem Song, hört aber nach zweieinhalb Takten wieder auf, um dem Publikum lächelnd mitzuteilen, dass es sich einfach besser anhören würde, den Song mit gestimmter Gitarre zu spielen. Zweiter Versuch. Die Gitarre klingt wohlgestimmt, doch diesmal sieht man den sympathischen Sänger mit Problemen, einen ganz bestimmten Akkord zu greifen und sauber zu spielen. Die Musik stoppt nochmals. Ted sagt schmunzelnd, er könne den Akkord nicht besonders gut greifen und hätte mehr üben sollen. Aber deshalb sei er ja auch Sänger und nicht Gitarrist geworden. Daher überlässt er jetzt Doug auch das Intro zum Song. Siehe da, das funktioniert wesentlich besser in geübteren Händen.
Schön zu sehen, dass auch so perfekte Musiker noch Fehler machen und trotzdem Spaß an der Sache haben. Das macht die ganze Band noch sympathischer als sie ohnehin schon ist.

We came to shred

We came to shred

In „The Great Divide“ geht es um Teds Scheidung. Er kann jetzt drüber lachen, aber eine Zeit lang war das anders. Der Song geht trotz des traurigen Themas gut nach vorne, wird aber im Verlauf eher ruhiger. Es folgt „Nighttime Sky“, ein neunminütiger Track vom ersten Album, in dem Doug nochmal zeigen kann, warum er so ein guter Gitarrist ist. Pfeilschnelle Soli gepaart mit langsamen melodiösen Passagen. Der letzte Song des Abends ist „Oasis“. Alles was eine gute Prog-Rock Band ausmacht, wird hier zum Abschluss nochmal geboten. Tempiwechsel, toller Gesang, treibende Drums, groovender Bass und frickelige Gitarren. Fanherz was willst du mehr?

Noch eine Verbeugung vor den Fans, dann ist der Auftritt von Enchant vorbei. Für mich leider viel zu schnell. Gerne hätte ich noch einige meiner eigenen Lieblingssongs von ihnen gehört. Aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist.

Wer heute nicht hier war, hat zwei sehr sympathische Bands verpasst, die trotz einer nicht ausverkauften Halle Spaß am Spielen hatten und alles getan haben, um allen Anwesenden einen unvergesslichen Abend zu bereiten.

Danke Enchant. Danke Hasse Fröberg & Musical Companion.
Wir haben uns bestimmt nicht das letzte Mal gesehen.

Setlist Hasse Fröberg & Musical Companion

  1. Intro – Seconds
  2. Everything can change
  3. Godsong
  4. Pages
  5. Genius
  6. Something worth dying for
  7. In the Warmth of the Evening
  8. Fallen Empire

Setlist Enchant:

  1. At Death’s Door
  2. Sinking Sand
  3. Hostile World
  4. Deserve to feel
  5. Monday
  6. Aquaintance
  7. Within an Inch
  8. The Great Divide
  9. Nighttime Sky
  10. Oasis

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Bildquellen

  • Enchant: (c) metal-heads.de - Chipsy
  • Hasse Fröberg & Musical Companion: (c) metal-heads.de - Chipsy
Chipsy

Chipsy

Mag am liebsten Prog, 80's Metal, Thrash und instrumentelle Gitarrenmusik. Gitarrenverrückter Gear Sammler.

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