METAL CHURCH – die XI des Tages und die Ersatzbank

Review – METAL CHURCH – XI

(DoCD – Spielzeit 58:25 und 35:53 – Import von RatPak Records (USA))

Nanu, fragt sich sicher der eine oder andere: METAL CHURCH haben doch schon von einem Monat ihre neue CD in die Regale gestellt. Da sind die Leute von Metal-Heads.de aber nicht gerade up to date!!!

Und wir antworten: Jaaa – stimmt. Aber dafür findet man bei den Mitbewerbern nur die Review der normalen Verkaufsversion der CD von Nuclear Blast und nicht die sogenannte „internationale“ Edition auf dem bandeigenen Label. Und dafür hat sich das Warten dann doch gelohnt!

METAL CHURCH-Cover

Ein altbekanntes Gesicht

Die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“ Mike Howe bei METAL CHURCH war vor circa einem Jahr ein echter Paukenschlag in der einschlägigen Szene. Als dann nach kurzer Zeit eine neu aufgenommene Version der alten Bandhymne „Badlands“ im Internet auftauchte, waren die Fans zumindest die Sorge los, dass hier ein in die Jahre gekommener Ex-Ausnahmesänger nochmal sein Altenteil  auf Kosten des guten Namens seiner alten Band aufbessern wollte.

Aus gutem Stall

Bei der vorliegenden Doppel-CD findet man das eigentliche Album „XI“ auf der ersten CD. Beim ersten Durchhören ist man natürlich versucht, Vergleiche anzustellen zwischen den drei Alben mit Mike Howe aus den Jahren 1989 bis 1993 und dem, was er Anno 2016 zu leisten im Stande ist. Stilistisch ist das Album – zu meiner persönlichen Beruhigung und Freude – eine fast nahtlose Fortsetzung von „Hanging in the Balance“, mit dem sich METAL CHURCH vom Thema Howe 1993 verabschiedet hatten. Meine stille Befürchtung, das mir persönlich zu sehr am Mainstream ausgerichtete „Human Factor“ könnte Pate gestanden haben, konnte ich nach knapp einer Stunde also ad acta legen. Das groovige Element, das „Hanging…“ über weite Strecken geprägt hat, ist jedoch ein wenig zurück genommen worden zugunsten einer gehörigen Portion Power, die insbesondere Jeff Plate mit streckenweise brachialen Punches abliefert.

Rien ne va plus…

Markant wird dieser Stil sofort mit dem Opener „Reset“, einem Stück, wie man es passender nicht platzieren konnte. Denn „Alles auf Anfang“ ist nach über 22 Jahren seit der Veröffentlichung von „Hanging…“ durchaus auch eine Überschrift über das gesamte neue Album. Dabei bezieht sich das natürlich nicht auf METAL CHURCH als solches. Kurdt Vanderhoof hat es durchgehend verstanden, nach einer vierjährigen Bandpause ab dem Jahre 1998 immer wieder Gleichgesinnte zu finden, die mit ihm die Band im Gespräch halten. Und es ist auch keinesfalls so, dass die jeweiligen Alben an Qualität verloren hätten. Nur leider fehlte in den letzten Jahren das gewisse „Etwas“, mit dem die Band deutlich sichtbar einen Schritt zur Weiterentwicklung gemacht hätte. Deshalb jetzt tatsächlich erst einmal „alle Zähler auf Null“. „Reset“ gibt dabei im Stile von „Conductor“ die Marschrichtung vor: Anfahren im dritten Gang und dann ordentlich hochdrehen.

„Killing Your Time“ hat dann den zurück genommenen Groove, der nach wie vor das Fundament der meisten Tracks ist. Eine schöne Übung für die Stimme von Mike Howe, dem der Song fast wie auf den Leib geschneidert erscheint.

Als gäbe es kein Morgen…

Bereits etwas länger bekannt ist das nächste Stück „No Tomorrow“, zu dem die Band ein sehr gelungenes Video in einem Kühlturm eines stillgelegten Kraftwerks produziert hat. Ich glaube nicht von ungefähr passt der Plot des Videos mit den Aliens, die die Band bedrängen, zum aktuellen Revival der Akte X-Serie in den USA. „Fox“ Vanderhoof schlägt die Brut jedenfalls mit satten Akkorden zurück und rettet den Tag. Wenn es heute im Metalbereich noch Single-Auskopplungen gäbe, wäre diesbezüglich „No Tomorrow“ jedenfalls erste Wahl gewesen. Das Ohrwurm-Potenzial ist fast schon beängstigend…

Mit „Signal Path“ und „Sky Falls In“ folgen die beiden längsten  Nummern mit jeweils über sieben Minuten Spielzeit, was bei einer Band wie METAL CHURCH regelmäßig eine sich langsam aber stetig aufbauende Atmosphäre im Song garantiert. Es sind die geschickt platzierten Breaks, besonders bei „Signal Path“, die trotz der genial-einfachen Struktur den Spannungsbogen erhalten und einen fast sofortigen Wiedererkennungswert schaffen.

Nadelprobe bestanden!

Mein persönliches Highlight nach „No Tomorrow“ hat anschließend auf der CD Platz gefunden: „Needle and Suture“. Wieder ein simpler Groove im Hintergrund und dazu diese fast schon hypnotische Stimmlage von Mike Howe, der einem seine Meinung von Sinn und Unsinn des Drogenkonsums und die Auswirkungen auf die fünf Sinne näher bringt. Ich kann nur hoffen, dass auf der anstehenden Tour dieser Kracher live gespielt wird. Verdient hätte es der Song in jedem Fall.

Hymnische Uptempo-Nummern haben METAL CHURCH zum Glück auch immer noch drauf. „Shadow“ ist dafür der offensichtliche Beweis. Ein Stück, das näher am Material der „Blessing in Disguise“ angesiedelt ist und deshalb deutlich unterstreicht, dass die Trademarks bei METAL CHURCH von Mike Howe nach wie vor gesanglich einwandfrei rüber gebracht werden können. Mike ist letzten August (erst) 50 geworden, da darf/muss man in Zukunft noch auf Einiges gespannt sein.

„Blow Your Mind“ und „Soul Eating Machine“ sind danach das Pärchen, was am wenigsten auf/aus dem Album heraus sticht. Das macht sie beide nicht zu schlechten Songs, aber der „Aha“-Moment kommt bei mir leider nicht auf. Und es wird auch nicht mit zunehmender Anzahl von Durchläufen besser. Kann aber natürlich auch an mir liegen…

Das Beste zum Schluss

Da kann „It Waits“ als mein drittes Highlight als vorletztes Stück ganz anders punkten. Fast im Stile vom Song „Start the Fire“ wird eine – tja, wie soll ich sagen… – gruselig-spannende Atmosphäre aufgebaut. Man sieht die bedrohlichen Augen in Gedanken vor sich und irgendwo blitzen auch ein paar Fangzähne schemenhaft hervor. Ein tolles Stück für unmittelbares Kopfkino.

Noch einmal zurück in Richtung „Hanging…“ tendiert zum Abschluss „Suffer Fools“ im Stile von „Losers in the Game“. Dürfte, wenn es live zum Zuge kommen sollte, auch anstandslos nach drei Takten zünden. Ein schöner Schlussakzent.

In anderen Reviews konnte man es schon lesen und mein Fazit kann sich eigentlich nur anschließen: METAL CHURCH haben ein Experiment gewagt und es hat funktioniert. Das Songwriting könnte bereits seit 1995 in der Schublade gelegen haben und die gesangliche Qualität von Mike Howe lässt an die Existenz von Zeitmaschinen glauben. Irgendwann kommen wir ihm bestimmt auf die Schliche, wie er über 22 Jahre komplett selbst von kleinsten Clubbühnen fern geblieben ist und trotzdem seine stimmlichen Fähigkeiten so konstant hochklassig in Schuss halten konnte. Erste Fanvideos von den Dates in den USA legen bereits Zeugnis davon ab, dass METAL CHURCH einen mächtigen Alarm veranstalten. Bis zum Tourstart in knapp zwei Wochen ist „XI“ ein Pflichtkauf, der ebenso überrascht und überzeugt wie die letzten CDs von MEGADETH und ANTHRAX, in deren Gesellschaft sich „XI“ nichts vorzuwerfen hat und sich nicht eine Sekunde lang den Schneid abkaufen lässt.

Punktsieg im Rückspiel

Wenn man sich dann die zweite (Bonus-) CD gönnen möchte, ist das auch keinesfalls eine Fehlinvestition. Acht Songs Nachschlag bekommt man für einen kleinen Preisaufschlag serviert.

Dabei stellt sich bei „The Coward“ die Frage, warum dieser Song mit einer Spielzeit von 4:13min. nicht mit auf das „reguläre“ Album gepackt worden ist. Eine Schande, ihn in dieser Fan-Edition nur den Band-Nerds zu gönnen. Ein Stück wieder wie aus einem Guss aus der „Hanging…“-Schmiede mit deutlich mehr „Wow“ als z.B. „Soul Eating Machine“. Wirklich sehr seltsame Entscheidung der Band oder des Labels.

Kreatives Weglassen

Es folgen zwei Instrumentalstücke, von denen „Blister Fist“ natürlich einige witzige Assoziationen hinsichtlich des Titels erlaubt. Aber jeder hat schließlich beim Sex Anrecht auf seine Art von Spass… (*Kopfkino: Film ab, bitte…!*). Danach kommt „God Hit“ aus den Lautsprechern und nach ca. zwanzig Sekunden muss man von einem absichtlichen Schreibfehler im Titel ausgehen. Richtig heisst das Stück nämlich „Got Hit“, denn nichts anderes als eine wirklich, wirklich geile Melodie für eine Powerballade, die auf dem Album zu guter Letzt gefehlt hat, stellt diese Perle dar. METAL CHURCH sollten überlegen, einen Wettbewerb zu veranstalten, wer im Internet dazu die tollsten Lyrics schreibt und das dann veröffentlichen. Absolut zu Recht hat dieser „Song“ nichts, aber auch gar nichts, in irgendeiner Schublade (auf irgendeiner Festplatte…) in Kurdt Vanderhoofs Keller verloren. Bereits jetzt hat sich die Mailorder aus den USA gelohnt!

„The Enemy Mind“ – der Feind, den man im Kopf hat, beschließt den ersten Teil der Zugabe mit einem Track, der auch gar nicht anderes sein möchte als ein Extra. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Werkschau

Das zweite Quartett auf der (Bonus-)CD besteht aus drei Edits bzw. alternativen Versionen von Stücken auf der ersten CD („Signal Path“, „Shadow“ und „No Tomorrow“), von denen Letzterer wegen der noch trockeneren Drums im vorliegenden Mix sicher am interessantesten ist. Komplettiert wird dieser Teil des akustischen Mehrwertes mit der 2015er-Version von „Badlands“, die hier erstmals in physischer Form veröffentlicht ist, was aufgrund der höheren Bitrate gegenüber den Internetkanälen Sinn macht.

Fazit Nr. 2 für das Gesamtpaket: die zweite CD ist wertiger, als es sich hier anhört, aber kein unumgängliches Muss, um sich ein Bild davon zu machen, wo METAL CHURCH anno 2016 technisch und stilistisch stehen. Die Alternativ-Versionen sind etwas für Fans, die gerne erfahren möchten, was man aus einzelnen Songs noch hätte machen können.

Für die Buchführung sei noch nachgetragen, dass sowohl die japanische Version der CD mit „Long Time Coming“ als auch die reguläre Verkaufs-CD mit „Fan the Fire“ über je einen anderen Track gegenüber dieser Doppel-CD verfügen. Nuclear Blast bietet zusätzlich eine Vinyl-Doppel-LP an (rotes Vinyl). Weitere Infos zu den einzelnen Formaten wie immer gerne hier bei den Kollegen von Metal Archives.

Und gaaanz zum Schluss noch die Tourdaten:

06. Mai – Hamburg, Klubsen

07. Mai – Hannover, Musikcentrum

08. Mai – Saarbrücken, Garage

12. Mai – Pratteln/Schweiz, Z7

13. Mai – Regensburg, Eventhalle Airport (Stadtteil Obertraubling)

14. Mai – Gelsenkirchen, Amphiteater (ROCK HARD-Festival)

15. Mai – Berlin, Columbia Theater und

August 2016 auf dem Wacken Open Air (Spielplan steht noch nicht fest)

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Bildquellen

  • METAL CHURCH-Cover: www.amazon.de
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