Das Portrait – Dirk Kramm (Backdrops und Bühnenbilder)

Dirk Kramm

Wir von metal-heads.de stellen euch bekanntlich in loser Reihenfolge Menschen aus der Musikbranche vor. Nach Gitarrenlehrer, Komponist und Endorser Marcelo Rosa sowie Tourmangerin Lisa Cornels haben wir heute das Vergnügen, euch einen Mann zu präsentieren, der im wahrsten Sinne der Worte „hinter den Kulissen“ tätig ist. Dirk Kramm aus dem schönen Soest nämlich. Dirk ist verantwortlich für unzählige Backdrops, also Bühnenbilder mega-bekannter und mega-unbekannter Bands. Um keine Kapelle besonders ins Rampenlicht zu heben, verzichten wir in unserem Gespräch allerdings auf Namen aus der Szene. Dafür müssen wir jedoch das leidige Thema „Corona-Virus“ ansprechen, denn die Sorge, wie es weitergeht, ist derzeit berechtigterweise groß. Das Gespräch wurde daher länger als erwartet. Dafür jedoch sehr intensiv und informativ. Aber lest selbst…

Kein Weltruhm als Gitarrist erlangt

metal-heads.de: Hallo Dirk, hier ist Ralf, der Chefredakteur von metal-heads.de. Eigentlich wollte ich gerne ein schönes Portrait über dich machen. Stattdessen müssen wir uns über das derzeit größte, aktuelle Übel unterhalten: über das Corona-Virus und die noch gar nicht absehbaren Folgen für die gesamte Musikbranche nämlich. Wir fangen trotzdem schön von vorne an. Stell´dich doch bitte mal unseren Leserinnen und Lesern vor.

Dirk: Gern, lieber würde ich zwar grade mit Dir bei irgendeiner tollen Show stehen und plaudern, aber momentan ist da ja eher „Sendepause.“ Es war einmal vor langer Zeit, da dachte ich, ich könnte als Gitarrist zu Weltruhm gelangen 😉 Das hat dann leider doch nicht so ganz geklappt (Leute da draussen, seid froh, ich war wirklich nicht gut!).

Das Outfit für viele tolle Bands

Also kam ich über Radiomoderation und Fanzine irgendwann zu einem Praktikum bei einem Label, und ab da ging es Schlag auf Schlag. 🙂 Und so kam es dazu, dass ich zusammen mit meinem alten Freund Hubertus mit „allyourbandneeds“ das „Outfit“ der Bühnen dieser Welt mit verwirklichen kann – wir stellen u.a. die Bühnendrucke für viele tolle Bands her!

metal-heads.de: Das klingt nach ´nem spannenden Arbeitsalltag. Da sind dir doch bestimmt schon irre Sachen passiert und du wurdest vor ganz besondere Probleme gestellt, oder etwa nicht? Komm, erzähl´uns doch bitte mal eine schöne Anekdote…

Dirk: Grade in der Festivalsaison wird es immer wieder spannend, was die Logistik angeht. Immer wieder erreichen uns Hilferufe, z.B. wenn die Airline ein backdrop verloren hat. Wir versuchen dann – so schnell es geht – Abhilfe zu leisten. Manchmal treffen die Bühnenbilder dann quasi in der letzten Sekunde bei einem Festival ein und werden vom Auto direkt auf die Bühne geleitet.

Das Problem der eierlegenden Wollmilchsau

Auch was die Dimensionen der Bühnenshow angeht, haben wir immer wieder das Problem der eierlegenden wollmilchsau. Ich bin immer wieder erstaunt, wie ein Setup, das auf einer großen Bühne steht, dann auch bei einer kleinen Clubshow eingesetzt wird und trotzdem toll aussieht und so der Fan bei jeder Show ein volles Brett -auch optisch- geboten bekommt.

metal-heads.de: Du bleibt so wenigstens jung und frisch, bei all der nötigen Spontanität und Kreativität, die dein Beruf so mit sich bringt. Was wir derzeit – und deine Branche ganz besonders – benötigen, ist Geduld, Optimismus, aber auch Hilfe vom Staat in dieses so unwirklichen Situation. Wie hast du die letzten Tage persönlich erlebt? Was bedeuten die ganzen Einschränkungen durch das Corona-Virus für dich und dein direktes, privates und berufliches Umfeld ?

Corona: Von heute auf morgen arbeitslos

Dirk: Du sagst es. Geduld und Optimismus sind das, was man sich grade immer wieder ins Gedächtnis rufen muss. Ich glaube, vielen Leuten ist gar nicht bewusst, was für ein Rattenschwanz die abgesagten Tourneen hervor rufen. Die ganze Eventbranche ist sozusagen von heute auf morgen arbeitslos geworden. Sehr viele Jungs und Mädels, die hinter den Kulissen arbeiten, haben keinerlei Möglichkeiten, sich ohne diese Jobs lange über Wasser zu halten, Große Firmen, die Equipment etc. bereitstellen wiederum haben sehr hohe Fixkosten und zuvor getätigte Investitionen, die ein ständiges Vermieten vorsehen. Die Booker müssen nun zusehen, so gut es geht für die ausgefallenen Termine entsprechende Nachholtermine zu präsentieren. Dabei ist das ganze Jahr eigentlich mit anderen Veranstaltungen schon „voll“ und der Vorlauf sowieso schon lang. Die Veranstalter haben viel Geld für eine Veranstaltung investiert und stehen nun vor einem kaum lösbaren Problem.

Abgesagte Tour als Kostenfalle für Bands

Und zu guter letzt die Bands…. hier ist die Situation am schlimmsten! Eine Band, die Touren will, plant dies weit im voraus. Es gibt sehr viele, vorfinanzierte Kosten, die sich zu enormen Beträgen summieren können: der Nightliner, das Backdrop, das Lichtkonzept, die zusätzliche Lichtanlage, ggfs. Bühnenelemente, Visakosten, Flugkosten, Kosten für die ganze Vorbereitung…

Flugkosten wie ein Mittelklassewagen

Fast alles sind Kosten, von denen man nicht mehr viel wieder reinbekommen kann. Wenn man überlegt, das für Band und Crew allein die Visakosten gut und gerne schon einmal 5-stellig sein können und die Flugkosten insgesamt soviel wie ein Mittelklassewagen kosten, dann kann man sich überlegen, wie schnell hier die Existenz einer Band gefährdet sein kann.

Drittstärkste Wirtschaftskraft wird von der Regierung unterschätzt

Wenn man überlegt, das man eigentlich im Eventbereich die drittstärkste Wirtschaftskraft gewesen ist, wird mal sehr stiefmütterlich behandelt. Und ich habe immer das Gefühl, die Regierung nimmt das überhaupt nicht so wahr und unterschätzt den ganzen Kulturbereich ungemein. Und trotzdem schauen alle nach vorne und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Ich hab in den letzten Tagen mit vielen Musikern, Managern oder auch Bookern gesprochen. Wir blicken alle zusammen auf den Tag, an dem Corona-covid19 uns nicht mehr in Geiselhaft nimmt.

Ein Hoch auf die Vielfalt der Kulturlandschaft

Ich persönlich hoffe sehr, dass die Politik die Kleinen und Großen aus allen Gewerken am Ende dann doch nicht hängen lässt und realisiert, was Kultur für eine Bedeutung hat. Nicht nur als Wirtschaftsfaktor! Mein Appell auch an alle: unsere wunderbare Vielfalt an Bands und kulturellen Veranstaltungen hat einen hohen Stellenwert. Vergesst das nicht und tragt das weiter. Denn viele Leute könnten dies ansonsten erst in dem Moment realisieren, in dem es zu spät ist und man einfach keinen Zugriff mehr auf diese Erlebnisse, Emotionen und tollen Stunden bekommt.

Dirk Kramm

metal-heads.de: Wir kennen uns ja, daher kann ich bestätigen, dass du wirklich dieser optimistische Macher-Typ bist, den unsere Leserschaft hier gerade vorgestellt bekommt. Doch nicht alle haben so eine Einstellung und so ein Durchhaltevermögen wie du, vielleicht auck keinen Notgroschen. Wie kann deinen Kolleginnen und Kollegen geholfen werden? Oder hat die Bundesregierung schon genug getan mit den ersten Entscheidungen zum Kurzarbeitergeld und Kreditzusagen?

„Macht keine Corona-Partys“

Dirk: Das Problem ist meiner Meinung nach, das die ganzen Zusagen einfach zu wenig konkretisiert sind und in vielen Bereichen einfach nicht ausreichen werden. Die meisten Hilfen sind Kreditzusagen. Das heißt, man bürdet sich neben der Ungewissheit, wann es denn wieder weitergeht, noch zusätzliche Schulden auf. Das Problem gilt an sich ja nicht nur für den künstlerischen Bereich, sondern auch für Bars, Restaurants, Clubs, Discos – einfach so gut wie jeden. Wie man dem entgegenwirken kann… macht keine Corona-Partys. Wir alle müssen dazu beitragen, damit dieser Shutdown in sämtlichen Lebensbereichen so kurz wie möglich sein wird. Ansonsten werden wir einen massiven Verlust an Freizeit und Kulturangeboten erleiden.

Die Folgen nach den Corona-Einschränkungen

Das Ganze zieht sich dann ja auch wieder viel weiter: die Leute werden ja in Zukunft wahrscheinlich auch als erstes bei Veranstaltungen und Restaurantbesuchen sparen, um die jetzigen Einschnitte durch Kurzarbeitergeld oder komplette Verdienstausfälle irgendwie wieder zu kompensieren.

Klarheit und Unterstützung gefordert

Desweiteren haben wir ja noch die Problematik, dass viele Bands aus dem Ausland ggfs. in ihrem Land keine Unterstützung erhalten werden. Die Lage ist in sehr vielen Fällen einfach noch völlig unklar. Was wir jetzt aber brauchen, ist Klarheit und Unterstützung ohne große bürokratische Hürden.

metal-heads.de: Das klingt alles gar nicht gut, was da auf die Musikszene zukommt. Und ein Ende ist nicht absehbar. Kannst du wirklich noch ruhig schlafen oder überkommt dich hin und wieder auch mal der Gedanke, dass die ganze Unterhaltungsbranche und local scene durch den Corona-Virus so richtig und dauerhaft in die Knie gezwungen wird?

Die Hoffnung auf ein Wiedersehen

Dirk: Dauerhaft hoffentlich nicht. Es wird früher oder später irgendwie weitergehen. Es kann nur sein, dass bis dahin Viele auf der Strecke bleiben werden. Seien es Bands, Bars, Locations, Veranstalter, Festivals… Ich hoffe einfach, dass ich alle befreundeten Bands, Firmen und deren Mitarbeiter in Zukunft wiedersehen werde. Aber so wie es momentan aussieht, ist die Lage wirklich prekär und es wird sehr lange dauern, bis sich die Situation wieder fangen wird. Hängt natürlich auch alles davon ab, wie lange alle Maßnahmen gelten und ob der Spielbetrieb in absehbarer Zeit wieder starten kann.

Dirk Kramm

Dirk Kramm kann nicht nur Backdrops, sondern auch Management

metal-heads.de: Jetzt wollen wir unser Gespräch aber nicht so enden lassen, Dirk. Daher muss ich noch mal zu ersten Frage, die du ja nicht ganz vollständig beantwortet hast, einhaken. Denn du hast noch ein paar weitere „Hobbies“. Eins davon hat mit der Band ANY GIVEN DAY zu tun. Ein anderes mit dem Label „Yonah Music“. Erzähl doch mal….

Dirk: Och ja, so einige… So kümmer ich mich z.B. auf der einen Seite als Management um Bands wie Any Given Day, Bonded oder Breathe Altantis. Yonah Records habe ich allerdings auf das Abstellgleis schieben müssen. Dazu war dann am Ende des Tages keine Zeit mehr übrig!

„Richtiges Gänsehaut-Feeling…wie ein Kind an Weihnachten“

Management und strategisches Planen macht mir unglaublich viel Spaß. Und in dem Moment, wo man dann sieht, wie das Publikum die Arbeit der Band – und somit auch gewissermaßen meine Arbeit hinter den Kulissen – würdigt. bekommst Du ein richtiges Gänsehaut-Feeling und freust Dich wie ein Kind an Weihnachten. Ich frage mich immer, wenn das bei mir schon so ist, wie es sich dann als Musiker anfühlen muss, wenn du vor ein paar Tausend Leuten abgefeiert wirst? Vielleicht hol´ ich doch mal wieder meine Gitarre aus dem Keller wieder hoch…. 😉

Ein echtes Hobby: Katalogisieren von Begrenzungspfosten in ganz NRW

metal-heads.de: Bitte keine Drohungen, Dirk..;) Bleibt dir bei deinen ganzen weiteren nebenberuflichen Tätigkeiten überhaupt noch Zeit für „normale“ Hobbies? Fotografieren von Telefonzellen und Briefkästen in Soest der so?

Dirk: Ich katalogisiere wahnsinnig gerne Begrenzungspfosten in ganz NRW, nachdem es ja kaum noch Telefonzellen gibt und ich alle Briefkästen inzwischen mit ihrem Vornamen anreden kann. Aber soll ich Dir sagen, was mein schönstes Hobby ist?

Crowdsurfing als Schwimmersatz

Ich gehe immer noch wahnsinnig gerne auf Konzerte. Und hin und wieder sieht man mich auch mal beim Crowdsurfen! Ein bißchen Sport muss man ja treiben und das Wasser in Deutschland ist mir meistens doch zu kalt.
Ansonsten bin ich immer für Brettspiele zu haben. Ich weiß, das ist oldschool, aber mir macht es immer viel Spaß. Egal, ob ich gewinne oder verliere!

metal-heads.de: Das beruhigt mich. Jetzt will ich dir aber nicht mehr Zeit klauen. Ich freu mich auf unser nächstes Wiedersehen und im Sinne aller metal-Fans sollte dies schnellstmöglichst stattfinden. Denn dann können alle hier sicher sein, dass wieder Konzerte und Festivals stattfinden, Kneipen geöffnet sind und wir unsere sozialen Kontakte wieder pflegen können. Bis dahin: bleib gesund, Dirk. Vielen Dank für dieses Gespräch und die letzten Worte an alle metal-heads-Leserinnen und Leser gehören selbstverständlich dir.

„Helft euren Bands, kauft Merch!“

Dirk: Passt auf Euch auf! Helft euren Bands! Kauft vielleicht etwas Merchandise und mal wieder CDs, wenn Ihr es Euch erlauben könnt. Und wenn Ihr die CDs im Schrank habt, streamt die Songs und zeigt den Bands dadurch eure Solidarität und sichert so einen kleinen Beitrag zum Erhalt der Vielfalt unserer Kulturszene. Auf das wir bald alle wieder durch den Moshpit tanzen und uns bei der nächsten Wall of Death über den Weg laufen. Stay healthy!

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Bildquellen

  • Dirk Kramm: Dirk Kramm
  • Dirk Kramm: Axel Jusseit
Ralfi Ralf

Ralfi Ralf

Als ich mir mit 14 zum ersten Mal das Nasenbein beim Moshen mit dem Tennisschläger im heimischen Kinderzimmer brach, war es um mich geschehen! METAL...

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