Powerwolf live in Oberhausen

Beim Betreten der Turbinenhalle 2 an diesem Freitagabend wird sofort klar: Full House beim Zwischenstopp der Wolfsnächte Tour in Oberhausen! Die zulässige Zuschauerzahl von 1800 Besuchern ist gegen 19.30 Uhr bereits bei schätzungsweise 1797 Gästen angelangt und man streift beim Weg durch die Menge fremde Menschen auf intimere Art als manchen Lebenspartner. Daher ist es die erste unmittelbare Aufgabe, sich direkt mal einen Wolf zu laufen, um eben diesen von der Sorte „Power“ später gut im Blick zu haben.

Schon Xandria als Opener begeistern die Fans

Gar nicht so einfach wenn Xandria um ihre Frontfrau Dianne van Giersbergen das Publikum schon zu diesem frühen Zeitpunkt am Abend mit ihrem Symphonic Metal zu wahrer Begeisterung zwingt. Spielfreude, hochgerissene Gitarrenäxte, aufgerissene Münder der Aktanten und eine charismatische Frontfrau, deren Lederoutfit nur von ihrer Stimme getoppt wird, bestimmen das Geschehen. „Scream!“ lautet die Aufforderung der Sängerin ans Publikum und wird selbstverständlich brav seitens der Fans umgesetzt. Zugegebenermaßen fand sich das metal-heads.de Team leicht verspätet in der Venue ein, doch reicht es allemal, um sich während der letzten beiden Nummern von der starken Leistung der Bielefelder Truppe zu überzeugen.

Man gewinnt den Eindruck, dass hier bereits ein eines Headliners würdiger Act agiert, was sich auf diesen Abend bezogen jedoch im Anschluss etwas relativiert. Denn als van Giersbergen das Publikum am Ende des Auftritts darum bittet, einen Applaus für die folgenden Bands Orden Ogan und natürlich Powerwolf zu spenden, erreicht die Beifallslautstärke die nächste bebende Stufe! Keine Frage: hier warten 1800 hungrige Wölfe auf ihre Alphatiere! Gegen 19.50 verlassen Xandria unter großem Applaus den Schauplatz und räumen das Feld für Orden Ogan.

Zwanzig Minuten später entern die Arnsberger dann auch die Bühne. Der optische Eindruck der Band legt die Vermutung nahe, es handele sich um einen verirrten Trupp Wikinger, der nach einer Zeitreise den erstbesten Musikladen brandschatze, um sich mit Flying-Vs & Co einzudecken. Die Power Metal Band stellt deutlich unter Beweis, dass sich eine beträchtliche Anzahl ihrer Anhänger im Publikum befindet. Nachdem die ersten Töne des Openers „F.E.V.E.R.“ erklingen, wird der Text von einem Großteil der Anwesenden sofort Wort für Wort lauthals mitgesungen und der Startpunkt für einen Siegeszug der Truppe aus dem Sauerland ist gesetzt.

Bei „To The End“, in dem die Doublebass Abteilung reichlich Bonusmeilen sammelt und die vom Fronter Sebastian eingeforderte Fist of Fate umgehend vom Publikum gereckt wird, springt der Funke zwischen Band und Publikum endgültig komplett über. Glücklicherweise verbessert sich bei dem Track der Livesound, der zuvor ein wenig undefiniert scheint, die zweistimmigen Gitarrenlicks hier aber nun voll zur Geltung bringen kann. Dass weder Spiegelglatzen noch sonstige Kurzhaarfrisuren eine Entschuldigung darstellen, um nicht die imaginäre Matte kreisen zu lassen, erklärt der Frontmann lauthals mit der Anordnung: „Jeder muss bangen! Auch ohne Haare!“. Die Menge lacht auf und jegliches Haupt in der Halle wird fortan geschüttelt – mit oder ohne Matte!

Orden Ogan überzeugen auf ganzer Linie

Das Quartett überzeugt während der gut 40 Minuten auf ganzer Linie durch Spielfreude, Humor und einem starken Set an Songs. Hervorzuheben ist Bassist „Spoony“ Löffler, der sich ungern länger als 30 Sekunden an derselben Stelle aufhält und permanent unterwegs ist. Einziges Fragezeichen wirft der teilweise perfekt intonierte wie abgemischte Background Gesang auf – da hat doch wohl keiner ein „Stimmbändchen“ angeschmissen in der Technik? Doch wie heißt es so schön: in dubio pro reo und weiter geht es! Die Titel „F.E.V.E.R.“, „To The End“, „Here At The End Of The World“ sowie der Schlusspunkt „The Things We Believe In“ bilden die Highlights eines wirklich starken Auftritts der Arnsberger Band.

Langsam steigt nun aber die Spannung in der ausverkauften Turbinenhalle 2 und man merkt dem unruhigen Publikum an, dass es dem Auftritt ihrer Helden entgegen fiebert. Nach etwa einer halbstündigen Umbaupause ist es dann endlich soweit. Ein schwarzes Backdrop mit dem Logo der Wolfstruppe teilt zunächst noch die Bühne, nur um bei den ersten Klängen des Openers „Blessed&Possessed“ wie der sprichwörtliche Theatervorhang zu fallen.

Doch ganz reibungslos verläuft der Fall des schwarzen Stoffes dann zunächst noch nicht, denn dieser verfängt sich erst einmal leicht in den Becken des Drumkits. Kein Problem für Roel van Helden! Im Stile eines abgeklärten Profis sorgt er mit seinen Sticks umgehend dafür, dass sich der Stoff von seinem Schlagzeug entfernt. So, dann aber wirklich! Powerwolf sind da und die Meute fängt an zu heulen – vor Freude versteht sich. Kein Zweifel: hier agiert der Headliner!

Powerwolf in Bestform

Von der ersten Minute an spielen Powerwolf sich in einen Rausch, der das Publikum dazu animiert, im Anschluss an nahezu jeden Song den Namen der Band einheitlich im Stakkato Chor gen Bühne abzufeuern. Attila Dorn zeigt sich in Bestform und begrüßt das Publikum zur „einzigen Heavy Metal Messe Europas!“. Seine an diesem Abend überragende Stimme treibt den eingängigen Power Metal der Powerwölfe in die Gehörgänge ihrer begeisterten Anhänger. Die Gebrüder Greywolf schwingen währenddessen unablässig die Gitarren in die Höhe und wechseln regelmäßig in synchronem Sprint die Bühnenseite. Eine Etage höher wechselt Falk Maria Schlegel ebenfalls unaufhörlich von der einen Tastenstation zur nächsten – mal links, dann wieder rechts vom Schlagzeug. Wann immer er nicht musiziert, eilt er in die erste Bühnenreihe und nutzt die Freiheit für Pathos-Posen wie der verloren geglaubte Sohn eines Klaus Kinski, zum Dirigieren seiner Mitstreiter und liefert eine Theaterdarbietung seiner ganz persönlichen Art.

Stichwort Theater: das kirchliche Bühnenbild, die immer wiederkehrende blutrote Beleuchtung und der blasse Teint der predigenden Wölfe tragen zu einer perfekten Inszenierung dieser Metal Messe bei. Songs wie „Coleus Sanctus“, „Amen&Attack“ und „Cardinal Sin“ werden vom Publikum regelrecht aufgesogen. Attila Dorn versteht es dabei, sein Publikum zwischen den Titeln mit Anekdoten humorvoll durch den Abend zu moderieren. Die ihm bekannte Geschichte eines anwesenden Fans, der einst sein bestes Stück unter das Skalpell legen musste, dient dann auch stracks als Überleitung für den Titel „Ressurection By Erection“, der uns den vielleicht einzigen Crowdsurfer des Abends beschert – passt auch nicht wirklich ins Theater.

An das starke „Armata Strigoi“ reiht sich der vielleicht einzige kleine Schwachpunkt der Show – ein Drumsolo, das meiner Meinung nach eher von der blauen Beleuchtung gepaart mit Strobolichtgewitter lebt als seiner spielerischen Qualität. Geschmackssache! Dem Publikum gefällt es und der Band verschafft es hinter der Bühne eine kurze Verschnaufspause, die sich danach wieder komplett mit „Dead Boys Don’t Cry“ zurückmeldet. Bei den folgenden Titeln bildet „We Drink Your Blood“ eindeutig den Mitsing-Höhepunkt des Abends: hier heult jetzt wirklich das letzte Wölfchen im Haus und aaah, da isser ja: der Gänsehautfaktor!

Als die Männer um Attila Dorn nach etwa 75 Minuten für eine Zugabe zurückkehren, wurde zwischenzeitlich auf der Bühne das Kunstfeuer entfacht. Die Band setzt den Schlusspunkt mit den Songs „Sanctified With Dynamite“, „Kreuzfeuer“ und „All We Need Is Blood“, mit denen ein lupus…, ich meine natürlich lupenenreiner Auftritt der Wölfe beendet ist. Ach, und da war er dann doch noch: Crowdsurfer Nr. 2!

Den Musikern ist über den Abend hinweg sichtlich anzumerken, dass sie teilweise überwältigt sind von den Reaktionen ihrer Fans und dies das ein oder andere Mal durch ungläubiges Kopfschütteln und Verneigungen zum Ausdruck bringen. Die Reaktionen der Fans sind an diesem Abend auch völlig verdient! Um den rundum gelungenen Abend mit den Worten Attila Dorns zusammenzufassen: „Oberhausen, ihr seid geil! … Ja, das ist scheiße, dass wir jetzt gehen müssen! … Vielen Dankeschön, vielen Dankeschön!“

Fotos: Doerni

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Bildquellen

  • Powerwolf_Turbinenhalle_Oberhausen_20151002_35: (c) metal-heads.de - Sven Dörnenburg
Jean-Claude van Kanne

Jean-Claude van Kanne

Einstiegsdroge: Gary Moore - Run for Cover. Gefolgt von Iron Maiden - Somewhere in Time. Dann kam auch schon Master of Puppets. Und dann kam der dreckige Rest...

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