W:O:A 2020 – ein erster Erfahrungsbericht zum Wacken Open Air 2020

WOA2019

Ich liege abgefüllt in meinem Zelt in Wacken. Auf einer der beiden Doppelbühnen Faster & Louder müssten gerade JUDAS PRIEST spielen. Ja, stimmt. Ich höre den Refrain von „Breaking the law“ bis unter mein Kopfkissen. Das macht neugierig auf die Welt da draußen. Also raffe ich mich auf, krabbel aus meinem Schlafsack, tapere mit zugedröhntem Kopf durchs Vorzelt und schlüpfe schnell in meine Boots. Ich öffne trotz des miesen Regenwetters da draußen heldenhaft den Zelteingang, trete hinaus…und platsch, stampfe voll in den Matsch. Herrlich. Wackeeeeeeen….

Vorbereitung ist alles

Aber drehen wir die Uhr kurz für 24 Stunden zurück. Einkäufe fürs Wacken Open Air stehen an. Bier gibt es in Massen, kein Problem. Bei Sanitärartikeln wie Klopapier sieht es etwas dürftiger aus, denn das ist derzeit rationiert. Was mir aber am meisten Sorgen macht: wie komme ich an das notwendige Campingzubehör? Denn die Bauplane, die ich mir zur Sicherheit immer unters Unterzelt lege, um Wacken wenigstens des Nachts einigermaßen trocken zu überleben, kann man derzeit nicht kaufen. Der Baumarkt ist nur für Handwerker geöffnet, jedoch nicht für Privatpersonen mit Freiheitsdrang. Aber gut, Kompromisse müssen sein und es wird auch ohne die Plane gehen (müssen).

Habe ich alles für „rain or shine“ ?

Konserven mit Ravioli, Campingkocher, Kühltruhe, Dosenbier, Schlafsack, Kopfschmerztabletten (komisch, Paracetamol waren wieder nicht in der Apotheke zu kriegen und dieses lange Anstehen draußen…), Campingstuhl, Ersatz-Gummistiefel, der Einmalgrill mit guter Holzkohle, Grillanzünder, Feuerzeug… Ich glaube, ich habe an alles gedacht. Fehlt der Luxus-Teil. Der große Flachbildschirm mit WLAN-Verbindung, die Kabeltrommel, das 5 zu 1-Boxensystem, der Spaten und einiges mehr benötige ich auch noch. Meine Frau und die Kinder gucken leicht genervt, wie ich konzentriert in meiner kurzen Camouflage-Treckinghose und dem metal-heads-Crew-T-Shirt durchs Haus laufe und alles zusammensuche. Ich neige wohl hierbei offensichtlich zu Selbstgesprächen.

Kurze Anreise zum holy ground

Anreise-Stau, Parkplatzsorgen – all das gibt es in diesem Jahr nicht. Sehr erfreulich. Ich marschiere also einfach mit meinem eingesammelten Zeltequipment stolz in den heimischen Garten und werfe mein Einmalzelt in die Ecke der Wiese, bevor ich es einrichte und die Euro-Holzpalette als trockene Rettungsinsel vor den Eingang schiebe. Schnell den Wasserschlauch geholt und kurz noch vor dem Zelt einen ca 4 x 2 Meter großen Bereich der Wiese abgetragen. Jetzt geht es ans Wässern, bis sich diese Fläche vor dem Zelt in eine ordentliche Matschbrühe verwandelt hat. Yep. So stelle ich mir mein neues Zuhause für die nächsten 3 Tage vor. Meine Frau und Kinder scheinen derzeit im Haus die Fenster zu putzen, zumindest nehme ich Wisch-Bewegungen vor deren Köpfen wahr…aber weiter hier. Jetzt muss ich in Technik-Fragen nur noch Tech-Nick fragen. Fluchs werden die Verlängerungskabel verlegt und anschließend die bereits wind- und wetterfest in blaue Müllsäcke umhüllten Boxentürme aus dem Wohnzimmer in sämtlichen Ecken des Gartens aufgestellt. Wenn schon, denn schon. Und zwar mit Dolby Surround. Ein ganz wichtiges Utensil muss auf der Terrasse bleiben. Der große Fernseher. Aber dazu später.

Die Musik beim W:O:A 2020

Die Spotify-Playlist ist passend gefüllt: Amon Amarth, Slipknot, Avantasia, Overkill, Annihilator, Orden Ogan, Van Canto, Stratovarius, Beast In Black, Therapy?, Visions of Atlantis…für 72 Stunden – also gute 3 Tage – sollte die Playlist mit allen Bands vom Wacken Open Air schon reichen.

Wo bleiben die Kumpels?

Was noch fehlt, sind die Freunde. Die müssten derweil ihre heimischen Gärten ebenfalls präpariert haben. Dank Stromversorgung sollte die Skype-Konferenz trotz gedrosselter Internetverbindungen im ganzen Land eigentlich ruckelfrei funktionieren. Das Bild kommt stilecht über den großen Fernsehbildschirm und einer von uns muss immer irgendwelche Live-Videos von den auftretenden Bands suchen und posten. Wir anderen unterhalten uns währenddessen fachmännisch über Bands oder schwadronieren über die coolsten Früher-war-alles-besser-Erlebnisse, während wir uns innig zuprosten.

Die Show kann beginnen

Ich stehe mit der Büchse Bier vor meinem Zelt im Schlamm, lausche den Klängen von Mister Misery, es ist Donnerstag Nachmittag, der 30. Juli. Der Sound ist astrein. Dass man Getränke mit ins Infield nehmen darf, ist echter Luxus in diesem Jahr. Das Quartett aus Schweden gibt sich auf der Großleinwand redlich Mühe und zwischendurch blenden sich immer wieder die Kumpels ein und geben sinnfreie Kommentare ab. Oder rülpsen. Oder beides. Kumpel Uwe hat natürlich schon längst den Grill an und beißt gerade – dialbolisch grinsend – herzhaft in seine Wackenwurst (der Wackennacken muss noch ein bisschen). Und da passiert es. Eine weiße Flüssigkeit spritzt in sein Haar, setzt sich auf den Brillengläsern fest und bekommt eine komische Konsistenz… spätestens seit dem Film „Verrückt nach Mary“ wird man da leicht skeptisch! Zum Glück handelt es sich hier aber nur um den Inhalt der Käse-Krakauer. Also zum Glück für mich und die anderen. Uwe hat sich hierbei derbe die Lippe verbrannt. Aber dat is Camping!

Darauf noch´ne Dose Bier. Vielleicht sollte ich gleich mal zur Wasteland Stage wechseln? Ich schnappe mir die Fernbedienung und…

Linda aus Österreich schreibt weiter

….und verschiebe den größeren Ausflug zur nächsten Stage auf später. Zuerst warte ich auf die Zusammenkunft meiner Festivalbegleiter, wobei das „Zipp-Geräusch“ der Zeltreißverschlüsse diesjährig durch ein „Plopp“ der Skypesitzung angekündigt wird. Ich lasse mich genüsslich in meinem beuligen Campingstuhl nieder. Die hinkenden Beine des Sitzmöbels haben schon einiges erlebt, halten mir aber wie jedes Jahr die Treue.

Sonnenschein und Gartenschlauch

De Sonne schiebt sich langsam durch die Wolken über mir, was eine latente Bedrohung der matschigen Brühe unter meinen Füßen darstellt. Kampferprobt rechne ich zu jederzeit mit Überraschungen. Aus Angst, mein grünzipfliger Untergrund – versehen mit diversen Matschgruben – könnte brockelig werden, werfe ich den Gartenschlauch an. Dicke Blasen bahnen sich den Weg durch die gummige Rohrleitung und befeuchten meine Mainstage. Zusätzlich macht sich ein – kaum merkliches, aber doch bedrohliches – Kratzen in meiner Kehle breit: Es wird unerlässliche, SOFORTIGE Befeuchtung benötigt.

Rote Kopfhaut

Ich öffne mir die nächste Dose Bier und proste meinen Jungs zu : „ Hier rum herum , owe mit dem Serum…“ Wie gewohnt wird der Trinkspruch bis zum Ende abgeareitet , bis das goldenen Nass unser aller Kehlen erreicht. Die Sonne auf meinem Haupt beginnt, sich den Weg zum Haaransatz zu bahnen. Im Vorhaben, meine Kopfhaut rot zu färben, schreie ich über die Absperrung in Wohnhaus : „ Schmeiß mal den Hut rüber.“ Den trage ich bekanntlich immer, sobald die Sonne über dem Wackenhimmel zu scheinen beginnt. Treu dem Motto „Rain or Shine“ bin ich allzeit vorbereitet und fange den zugeworfenen Hut einhändig. Natürlich ist der Strohhut auch in der Gruppe beliebt, der Austausch über die Ferne jedoch erschwert. Ich bin begeistert, die Hirnleistung meiner Freunde erkennen zu können, ein prüfender Blick auf die Bildschirme: Alex und Hansi haben sich ebenfalls ein Modell gesichert und auf dem Zenit ihrer Körper platziert.

Der Snack zwischendurch

Zeit für einen Snack , ich greife beherzt in meine Tortilla Tüte. Der Käse ist „on point“ klimatisiert. Nämlich kühl von unten , weil auf dem Boden gelagert, und oberflächlich aufgewärmt durch den brennenden Himmelskörper über uns. Perfekt für den leicht grummelnden Magen auf dem Weg zur nächsten Stage. Ein Liegestuhl hat sich in der Nähe zum benachtbarten Zaun als einladend erwiesen. Wir legen eine Pause ein, um Kräfte für die nächste Show der „Grailknights“ zu sammeln. Oh, hee! Im Sicherheitsabstand von 2 Metern begrüßt mich ein teilweise bekanntes Gesicht. Mir ist entfallen, woher und zu welchem Zeitpunkt des Festivals wir unsere Bekanntschaft gemacht haben, aber er stellt sich als mein Nachbar vor. Es wird zugeprostet. Ich informiere ihm über meine Pläne hinsichtlich der Line up-Einteilung und er scheint erfreut zu sein. Ich drücke das Plus auf meiner Lautstärkenregelung der Fernbedienung …rompompom…dröhnen die Boxen, die anhaltend scheinende Sonne taucht meine Stage in ein rotes Licht. Schön, dass sich bald die vertraute Dunkelheit über das Festivalgelände legt.

Genügend Desinfektionsmittel und Klopapier

Problematisch ist nur, dass der nächste Gang zur Bar über die naheliegenden Dixis erfolgen muss. Im Haus suche ich die sanitären Anlagen auf, Desinfektionsmittel und Klopapier sind zu meiner Überraschung ungewohnt viel vorhanden. Eine neue Erfahrung reicher begebe ich mich in Richtung Küche, wo mein Herz ein Stück höher hüpft. Der Kühlschrank ist weder auf einem Anhänger gelagert NOCH generatorbetrieben. Meine Truppe setzt dieses Jahr wohl auf Fortschritt, denke ich mir. Trotzdem bin ich froh, dass Becks Dosenbier im Kühlfach aufzufinden. Schländernd schaue ich auf mein „Pedometer“ am Arm und wundere mich , eine doch erstaunlich kleine Schrittzahl auf der Anzeige ablesen zu können.

40.000 Schritte täglich beim Wacken Open Air

Normal bin ich nie weniger als 40.000 Schritte täglich auf dem Wackengelände mobil, doch dieses Jahr scheint alles anders. Gleichermaßen erschöpft setze ich mich in meine zuvor vorbereitete Pfütze aus Überresten von Gras , gemengt mit Schlamm und werfe einen wissenden Blick auf den Skype-Bilschirm, nicke der Gemeinschaft zu und freue mich auf den abendlichen Mainact. An den Schultern ein zarter Sonnenbrand, die Füße in den Stiefeln richtig nass, aber das Herz voller Freude, das Wacken einfach ALLES überlebt…

Wie geht es weiter bei Wacken 2020?

Tja, liebe Leserinnen und Leser, Quarantäne-Opfer und Home Office-Überstundenmacher. Wir von metal-heads.de haben diese spontane Phantasie-Geschichte hier begonnen und bislang wurden von Linda aus Österreich 5 tolle Absätze hinzugefügt . Ein Ende der Story ist aber noch lange nicht in Sicht. Denn diesen Festival-Bericht sollt ihr weiterschreiben. Schickt uns bitte entsprechende Fortsetzungs-Stories, die wir hier gerne nach und nach veröffentlichen (natürlich behalten wir uns Kürzungen vor und wir können auch keinen Abdruck sämtlicher Zusendungen gewährleisten). Vielleicht schaffen wir metal-heads es so, den unterhaltsamsten Festival-Bericht des Sommers 2020 zu kreieren. Wir zählen auf euch. Feuer frei. Sendet eure Geschichten einfach an ralf@metal-heads.de mit der Überschrift „Wacken 2020 – Fortsetzung.“ Horns Up!

PS: natürlich wünschen wir uns innigst, das das W:O:A 2020 stattfinden wird und unsere angedachte 4-Mann-Crew vor Ort live in Wort und Bild für euch berichten kann. Dieser fiktive Festival-Bericht soll euch bis dahin einfach unterhalten, ein wenig die Phantasie anregen und zum Mitschreiben anregen. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir unzählige, lustige Wacken-Erlebnisse von euch hier einbauen könnten. Und wir würden uns noch viel mehr freuen, wenn alle Sorgen und Ängste um Corona schon bald ein Ende hätten. Dankeschön fürs Mitmachen im Voraus! Eure Redaktion!

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Ralfi Ralf

Ralfi Ralf

Als ich mir mit 14 zum ersten Mal das Nasenbein beim Moshen mit dem Tennisschläger im heimischen Kinderzimmer brach, war es um mich geschehen! METAL...

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