Alcest und Vampillia live im Turock


Alcest und Vampillia live im Turock

Der Abend vor dem Tag der deutschen Einheit: DocRock war so freundlich, mir eine Akkreditierung für Alcest und Vampillia live im Turock zu organisieren. Alcest habe ich in letzter Zeit viel gehört, das aktuelle Album Kodama lief oft komplett durch. Vampillia hingegen sagte mir so gar nichts, was sich aber im Laufe des Abends noch ändern sollte…den Namen der Band werde ich wohl so schnell nicht mehr vergessen. Jedenfalls machte ich mich bei unangenehmem Oktoberwetter auf den Weg nach Essen, über die gruselige A40. Baustelle über Baustelle, Tempo 40, 60, 80 dann mal wieder 100…ätzend. Dann den Tipp mit dem Parkplatz von „uns Uwe“ beherzigt, in einer düsteren Ecke die Karre abgestellt und die paar Meter zum Turock gelaufen. Vor dem Laden schon eine lange Schlange, aber der Einlass ging schnell und unkompliziert von statten.

Vampillia


Leider gibt es im Turock keinen Fotograben und der Tourmanager hatte auch nicht für einen Backstagepass gesorgt, mit dem ich mich seitlich neben der Absperrung hätte positionieren können. Also blieb nur, mit der Kamera ins Getümmel zu gehen. Ich sortierte mich zwar seitlich, aber dafür direkt in Reihe 2 ein. Die Band aus Japan beschreibt ihr Genre selbst als „Brutal Orchestra“ und wenn ich so drüber nachdenke, trifft es das auch auf den Punkt. Die Show ging los, vornehm zurückhaltend standen nur die Keyboarderin, ein Gitarrist und eine Geigerin auf der Bühne. Es wurden ein oder zwei komplett instrumentale Stücke gespielt, die überhaupt nicht erahnen ließen, was später noch passieren sollte. Engelsgleiche ruhige Musik kam aus den Boxen und stimmten auf den Abend ein. Man hätte, zumindest rein musikalisch, in dem Moment auch auf einem Klassik Konzert sein können.

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf

Nach und nach enterten der Bassist, ein weiterer Gitarrist und der Drummer die kleine Bühne und bauten Stück für Stück mit ihren Instrumenten einen Klangteppich sondergleichen auf. Der Sänger erschien nun ebenfalls im Geschehen und das komplette „Brutal Orchestra“ kam in Fahrt. Ich würde euch das gern besser beschreiben, aber da Bilder mehr als 1000 Worte sagen, nehmt euch einfach mal die Zeit für dieses Video.  Ab Minute 7:40 geht es richtig los, aber auch der ruhige Part am Anfang lohnt sich.

 

Die overall Performance war gewaltig, der Sound absolut stimmig. Dazu litt der Sänger, taumelte, wand sich, weinte, schrie, growlte, hüpfte, kreischte und ich weiß nicht was noch alles. Das Publikum wurde angestachelt, die Band anzufeuern. Der Sänger wurde immer exzentrischer, schlug sich selbst ins Gesicht, fasste sich an den Kopf und schüttelte den selben immer wieder hin und her, als würde er einen epileptischen Anfall erleiden. Auch wenn das Geschehen teils befremdlich oder sogar beängstigend wirkte, war es auch unheimlich intensiv. Wurde Anfangs noch einer der Lautsprecher genutzt, um seinen Fuß abzustellen, ging der Sänger später dazu über, auch mal eine Schulter aus der 1. Reihe zu nutzen. Der Sound wechselte immer hin und her, zwischen instrumentalen melodischen Post Rock Stücken und Vollgas Schlagzeug mit Gitarren Partien, die vom Geschrei und Gegrowle untermalt wurden.

Vampillia Endspurt

Immer wieder forderte der Frontmann das Publikum auf, sich noch mehr zu beteiligen. Da die Huldigung der Anwesenden noch nicht ganz seinem Geschmack entsprach, sprang er kurzerhand von der Bühne und bahnte sich barfuß seinen Weg durch die Menge, um dann den Leuten zu zeigen, wie sie mit den Armen zu schwingen hatten. Puh, die meisten machten mit und er verschwand zufrieden wieder auf der Bühne. Wer weiß, was da sonst alles hätte passieren können. Am Ende des Konzertes riss der Bassist sich das Hemd vom Leib, holte eine Plastikmülltone hinter der Box hervor, platzierte diese im Publikum und sprang kopfüber rein. Zack, Ende.

Fazit

Wow, was hatte ich da gerade gesehen? Jedenfalls habe ich selten so viel Energie auf der Bühne erlebt. Eine perfekte Liveband, die ihre Melodien und ihren Sound extrem gut ins Live Set transportieren und mit dem extrovertiertem Sänger natürlich den passenden Frontmann haben, der den Abend endgültig zu einem unvergessenen werden lässt. Ein Besucher neben mir meinte nach dem Auftritt zu seinem Kollegen „Das war unter den Top 5 der besten Konzerte, die ich jemals live gesehen habe…ne eigentlich war es das beste“. So weit würde ich persönlich nicht gehen, aber es war definitiv einzigartig, besonders, extrem und ich kann jedem nur ans Herz legen…schaut Vampillia live, wenn ihr sie irgendwo sehen könnt.

Durchatmen

Kleine Umbauphase, dir mir Zeit für ein kaltes Getränk gab. Man wollte ja seinen Platz an der Sonne nicht verlieren, also schnell wieder zurück mit dem Getränk in Richtung Reihe 2 und warten auf Alcest. War der Saal schon bei Vampillia sehr gut gefüllt, so sollten jetzt noch ein paar Leute dazu kommen. Definitiv ausverkauft im Turock!

Alcest


Die Combo aus Frankreich, rund um Sänger Neige, startete genau so unaufgeregt, wie ihre Musik auch ist. Und damit meine ich definitiv nicht langweilig, sondern klar, strukturiert, beherrscht. Es sollte das ganze „Kodama“ Album gespielt werden und mit dem Titelsong ging es auch los. Das war schon eine kleine Umstellung, vom Opener zum Headliner. Aber Alcest sollten an diesem Abend nicht lange brauchen, um das Publikum auf ihre Seite zu bekommen. Unglaublich, wie gut sie ihren Sound vom Album auf die Bühne transportiert bekamen. Auch die Gesangseinlagen waren absolut spitze, vom Frontmann wie auch vom Gitarristen. Lediglich das Schlagzeug schien mir etwas laut ausgepegelt gewesen zu sein, ansonsten eine gute Leistung vom Mischpult. Sänger Neige wirkt zwar fast schon etwas schüchtern, hatte sich aber zu einigen Ansagen an die Fans hinreißen lassen. Unter anderem interessierte ihn, wie das Publikum die Performance von Vampillia fand. Kurzes Schweigen, danach tosender Applaus, was ihn sichtlich beruhigte. Sie sind wohl schon mehrfach mit Vampillia durch Japan getourt und lieben deren Stil, auch wenn der „a bit crazy“ ist.

Halbzeit

Nach den 6 Kodama Liedern ging es mit mit Songs der anderen 4 Alben weiter. Von jedem Album wurde mindestens ein Lied gespielt, was das Publikum begeistert aufnahm. Jedes Lied wurde abgefeiert und bejubelt. Im Vorfeld hatte ich schon gelesen, das die Zuschauer auch von weiter her für dieses Konzert angereist sind und enttäuschte Gesichter konnte ich nicht wahrnehmen. Alcest bedienen ja generell eher das ruhigere Gemüt, wissen aber mit ihren Melodien zu bezaubern. Nach 11 Lieder und einer Zugabe war dann Schluss.

Fazit

Das war ein Abend, der sich definitiv gelohnt hat. Vampillia waren live ein Erlebnis und Alcest eine Bank. Da konnte man nichts falsch machen. Beim nächsten mal bin ich gern wieder mit von der Partie.

Setlist Alcest

  • Kodama
  • Eclosion
  • Je suis d’ailleurs
  • Untouched
  • Oiseaux de proie
  • Onyx
  • Souvenirs d’un autre monde
  • Percées de lumière
  • Autre temps
  • Sur l’océan couleur de fer
  • Là où naissent les couleurs nouvelles
  • Délivrance (Zugabe)

 

NEWSLETTER. FREITAGS. KOSTENLOS.

Bildquellen

  • Vampillia1: Frank Moldenhauer - Metal-Heads.de
  • Alcest1: Frank Moldenhauer - Metal-Heads.de
  • Alcest-Beitrag: Amazon
Moldi

Moldi

Angefangen hat der Metal Virus im zarten Alter von 15 mit einer Iron Maiden LP aus dem Gebrauchtplattenladen. Mein Geschmack ist inzwischen sehr breitbandig, gehört wird, was gefällt.

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

siebzehn + acht =