RAMMSTEIN – „Zeit“ Review

Die Legende am Ende der Zeit?

Die Uhr tickt! Auch für RAMMSTEIN (Facebook / Homepage)! Der gesponnene Schicksalsfaden hatte für die Band eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte eingewoben. Unter dem Banner von richtungsweisender Musik und mitunter gezielter Provokationen belebten sie ihre Karriere. Die Musik polarisiert und das ist wohl auch die pure Absicht vieler Songs und des Marketings gewesen, die den Menschen dabei häufig einen hässlichen Spiegel vorgehalten haben. Wie auch immer…. Die Band RAMMSTEIN dürfte wohl fast jedem auf der Welt bekannt sein, ob man sie nun mag oder nicht.

Ich hatte damals meinen ersten Berührungspunkt mit der Band durch das Debütalbum „Herzeleid“, das für mich einen Meilenstein darstellt und mich über Jahrzehnte hinweg immer noch begleitet. Es mögen nostalgische Gefühle dabei eine Rolle spielen, doch für mich wird es immer ein ganz besonderes Album bleiben. Damals haben mich die Singles „Du Riechst So Gut“ und „Rammstein“ in vielen Rocktempeln begleitet.

27 Jahre nach „Herzeleid“

folgt nun „Zeit“. Wohin geht die Reise? Nun, stellenweise schimmert Endzeitstimmung durch die Songs. Ob es eine Botschaft sein soll, dass es womöglich das letzte Album sein soll? Man weiß es nicht. Ich bin bei solchen Interpretationen immer mehr als vorsichtig.

Ich hatte bereits das Thema Provokation erwähnt. Die war z.B. ein sehr großes Thema beim Teaser zur Single „Deutschland“ vom letzten Album, in dem RAMMSTEIN lediglich den Ausschnitt einer KZ-Hinrichtungszene zeigten. Sehr grenzwertig oder darüber hinaus, auch wenn sich alles wie erwartet beim kompletten Video und Song relativierte. Provokationen solcher Art findet man bei und vor dem Release des neuen Albums „Zeit“ nicht.

Lediglich beim Video zur Single „Zeit“ zeigten einige Szenen deutlichere Bilder eines Geburtsvorgangs, als es vielleicht notwendig gewesen wäre. Jedoch sind Zurückhaltung und Defensive noch nie etwas gewesen, was man mit RAMMSTEIN verbunden hat. Drastische symbolträchtige Bildgewalt und Texte sind ihr Markenzeichen. Das Lied „Zeit“ ist eine wundervolle epische Ballade, die zu den besten gehört, die RAMMSTEIN jemals produziert haben. Da kommen sogar Assoziationen zum Klassiker „Seemann“ auf, nur das jetzt alles noch viel epischer und bombastischer klingt.

„Zeit“ verkörpert Glück und Schmerz, Tod und Geburt. Zum anderen trifft sie in Verbindung mit dem ausdrucksstarken Video (in Zusammenarbeit mit Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek) die Situation in der heutigen Zeit erschreckend plastisch. Das eindrucksvolle Video zur Single ist hervorragend umgesetzt. Dabei vermittelt und unterstreicht das Video passend die Emotionen, die der Song selber akustisch beim Hörer auslöst. Eine beschwörende Ode an die Zeit in all ihrer gegensätzlichkeit Glückseligkeit und Grausamkeit.

Elektronische Spielereien

finden sich nach wie vor in den Songs, mal mehr mal weniger. Direkt zu Beginn werden Erinnerungen an die Darkwave/Gothik Zeit von früher wach. „Armee der Tristen“ weckte direkt zu Beginn diese Assoziationen in mir. Ein kraftstrotzender atmosphärischer Song, der in den dunklen Tanztempeln der Welt die Herrschaft übernehmen dürfte. Ein sehr charismatischer Einstieg in das Album, an dem sich das oben erwähnte opulente Endzeitdrama „Zeit“ anschließt.

Jedoch finde ich nicht jeden Song inspirierend und unterhaltsam. Das langsame „Schwarz“ plätschert eher belanglos vor sich hin und langweilt mich eher, zumal er direkt hinter der Megaballade „Zeit“ gespielt wird. Glücklicherweise folgt mit „Giftig“ danach wieder ein flotter angriffslustiger Song, der wieder mit den gewohnten Stärken der Band spielt. Flottes Tempo mit Stakkatoriffs und eingängigem Text. Die elektronischen Spielereien gefallen mir gut. Nicht sonderlich einfallsreich, aber der Song hat Energie oder besser gesagt: Er ist giftig!

Mal plump, dann witzig und auch hintergründig

All diese Eigenschaften finden sich auf jedem der RAMMSTEIN-Alben. So auch hier! Die Texte sprechen mal wieder für sich und können tatsächlich auch nur so in der Form von RAMMSTEIN kommen. Natürlich kann man manchmal über die Qualität der „Lyrik“ streiten. Man muss nicht immer einen Sinn suchen, weil er manchmal einfach nicht da ist. Es ist der Text um der Worte willen! So z.B. beim Song „OK“ (der eigentliche „Ohne Kondom“ heißt) oder „Dicke Titten“. Doch dann steckt hinter manchen Texten mehr, als es oberflächlich den Schein hat, siehe z.B. „Armee Der Tristen“ oder „Angst“.

Verrücktheit

„Ohne Kondom“ ist wirklich ein Song mit einem absurden Text. Der Song an sich ist aber wirklich genial gemacht. Scbon alleine, dass die Textzeile „Ohne Kondom“ zu Beginn von einem Chor mit Kirchencharme gesungen wird ist einfach total aberwitzig. Der Song hat ein hohes Marschtempo und besticht aber auch durch tolle kleine Ideen wie die kurzen rockigen Leads in der zweiten Strophe. Das hätte man meiner Meinung nach gerne intensiver betreiben können.

„Dicke Titten“ kommt sogar mit Volksmusik-Attitdüden daher, indem man eine lustig beschwingte Bläserkapelle einspielt. Total bekloppt, aber dafür liebt man RAMMSTEIN auch. Beim „Lügen“ schimmert mal wieder die verrückte Eskalation von Till durch, die er schon auf dem letzten Album beim Song „Puppe“ gezeigt hatte, nur nicht ganz so krass.

Es sind Texte mit heftigem Augenzwinkern und obendrein hin und wieder mit dem o.g. hässlichen Spiegel, in den man auch mit der Single „Zick Zack“ blickt. Doch der Song an sich gehört für mich nicht zu den Highlights des Albums, sondern mit seinem Aufbau und Sound eher zum Standardprogramm von RAMMSTEIN und hat man in der Form schon zigmal gehört.

Fazit

Ist es das beste Album von RAMMSTEIN? Nein! Ist es ein gutes Album geworden? Ja! Doch an den Charme mancher alten Alben kommen die Songs nicht ran und das geniale letzte selbsbetitelte Album fand ich in einigen Bereichen erheblich mutiger und gewitzter. Dort war es vor allem der Megasong „Deuschland“ (mit Anne-Clark-Feeling), der trotz aller Provokationen und Mißverständnisse megagenial aufgemacht war (Mit über 245 Millionen Klicks auf YouTube der erfolgreichste Clip überhaupt!).

Aber darüber hinaus hatte vor allem der verstörte Song „Puppe“ in mir die Hoffnung geweckt, dass Till mal mehr aus sich herausgehen und seine irre verrückte Ader mehr entfesseln würde. Auf dem Album „Zeit“ passiert das nur ansatzweise beim Song „Lügen“. Insgesamt ist das Album „Zeit“ vom Härtegrad eher gemäßigt ohne harmlos zu wirken. Da hätte ich mir mal mehr den Ausbruch aus der Komfortzone gewünscht und das die coolen Ideen nicht in Ansätzen hätten verharren müssen. Es ist für mich nicht der erwünschte Paukenschlag geworden, aber trotzdem gibt es tolle Momente!

Die bei mir eingetroffenen Vinyls des Albums sind qualitativ von höchster Qualität. Die Songs sind auf zwei Vinyls gepresst, was dem Sound sehr zuträglich ist. Das Gatefold ist mit eindrucksvollen Bildern versehen und die klare Vinyl passt von der Optik hervorragend zur optischen Aufmachung. Das Cover und die Fotos entstanden mit dem kanadischen Musiker und Fotograf Bryan Adams, der RAMMSTEIN auf der Treppe des Trudelturms in Berlin-Adlershof ablichtete. Dabei handelt es sich um das eindrucksvolle Denkmal der Luftforschung im Aerodynamischen Park.

English review

The legend at the end of time?

The clock is ticking! Also for RAMMSTEIN (Facebook / Homepage)! The spun thread of fate had woven an incomparable success story for the band. Under the banner of trend-setting music and sometimes targeted provocations, they revived their career. Their music polarized and that may have been the pure intention of many of the songs and marketing, holding up an ugly mirror to people in the process. However…. The band RAMMSTEIN should probably be known to almost everyone in the world, whether you like them or not.

I had my first point of contact with the debut album „Herzeleid“ back then, which is a milestone for me and still accompanies me for decades. Nostalgic feelings may play a role in this, but for me it will always remain a very special album. Back then, the singles „Du Riechst So Gut“ and „Rammstein“ accompanied me in many rock temples.

27 years after „Herzeleid“

the new album „Zeit“ follows. Where does the journey go? Well, in some places the end of time shimmers through the songs. Whether it should be a message that it should possibly be the last album? One does not know. I am always more than careful with such interpretations.

I had already mentioned the subject of provocation. This was for example a very big topic in the teaser for the single „Deutschland“ from the last album, in which RAMMSTEIN only showed a clip of a an execution scene in a concentration camp. Very borderline or beyond, even if everything relativized itself as expected with the complete video and song. Provocations of this kind can not be found at and before the release of the new album „Zeit“.

Only in the video for the single „Time“ did some scenes show clearer images of a birth process than might have been necessary. However, restraint and defensiveness have never been something associated with RAMMSTEIN. Drastic symbolic imagery and lyrics are their trademark. The song „Zeit“ is a wonderful epic ballad that is one of the best RAMMSTEIN have ever produced. There are even associations with the classic „Seemann“, only that now everything sounds much more epic and bombastic.

„Zeit“ embodies happiness and pain, death and birth. On the other hand, in conjunction with the expressive video (in collaboration with actor and musician Robert Gwisdek), it hits the situation in today’s time frighteningly vividly. The impressive video for the single is excellently implemented. The video appropriately conveys and underscores the emotions that the song itself acoustically triggers in the listener. An evocative ode to the time in all its contrariness bliss and cruelty.

Playful synths

are part of many songs and it awakens memories of the Darkwave/Gothic time of the past. „Armee Der Tristen“ awakened these associations in me right at the beginning. A powerful atmospheric song that should rule the dark dance temples of the world. A very charismatic start to the album, which is followed by the aforementioned end-time drama „Time“.

However, I don’t find every song inspiring and entertaining. For example the slow „Schwarz“ ripples rather inconsequentially and bores me rather, especially since it is played directly after the mega ballad „Zeit“. Fortunately, with „Giftig“ follows afterwards again a brisk attacking song, which plays again with the usual strengths of the band. Snappy tempo with staccato riffs and catchy lyrics. The electronic gimmicks please me well. Not particularly imaginative, but the song has energy.

Sometimes clumsy, then funny and also enigmatic

can be found on each of the RAMMSTEIN albums. So also here! The lyrics speak for themselves once again and can actually only come from RAMMSTEIN in that special way. Of course, sometimes you can argue about the quality of the „lyricism“. You don’t always have to look for the meaning, because sometimes it’s just not there. For example in the song „OK“ (which is actually called „Ohne Kondom“) or „Dicke Titten“. But then there is more behind some lyrics than it superficially seems, see for example „Armee Der Tristen“ or „Angst“.

Craziness

„Ohne Kondom“ is really a song with absurd lyrics. But the song itself is really cool done. It is a little macabre that the text line „Ohne Kondom“ (without condom) is sung at the beginning by a choir with church charm. Crazy! The song has a high marching tempo and also impresses with great little ideas like the short rocky leads in the second verse. In my opinion, this could have been done more intensively.

„Dicke Titten“ (big tits) even comes along with folk music attitudes by playing a funny upbeat brass band. Totally crazy, but that’s why you love RAMMSTEIN. With „Lügen“ (lies) the crazy escalation of Till shimmers through again, which he had already shown on the last album with the song „Puppe“, only not quite as bad.

There are lyrics with a heavy wink and on top of that now and then with the above-mentioned ugly mirror, in which you also look with the single „Zick Zack“. But the song itself does not belong to the highlights of the album for me. The structure and sound is one of the standard program of RAMMSTEIN and you have heard it in this form umpteen times.

Conclusion

Is it the best album of RAMMSTEIN? No! Is it a good album? Yes! But the songs don’t come close to the charm of some older albums. The last self-titled album in 2019 was more brilliant for me. I found it more courageous and clever. There it was especially the outstanding song „Deuschland“, which was despite all provocations and misunderstandings brilliantly presented (with over 245 million clicks on YouTube the most successful clip ever!).

But beyond that, especially the disturbed song „Puppe“ had awakened the hope in me that Till would come out of himself more and unleash his crazy streak more. On the album „Zeit“ this happens only rudimentarily in the song „Lügen“. Overall, the album „Zeit“ is rather moderate in the degree of hardness without seeming harmless. I would have wished that the band get more out of their comfort zone. Some cool ideas would not have had to remain in approaches. „Zeit“ doesn’t hit the bulls eye, but still there are great moments!

The vinyls of the album that arrived with me is of the highest quality. All songs are pressed on two vinyls, which is very conducive to the sound. The gatefold has impressive images and the clear vinyl matches the visual presentation perfectly. Cover and photos were taken with Canadian musician and photographer Bryan Adams, who photographed RAMMSTEIN on the stairs of the Trudelturm in Berlin-Adlershof. This is the impressive monument to aerial research in the Aerodynamic Park.

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Bildquellen

  • Rammstein Cover „Zeit“: Check Your Head GbR
  • RAMMSTEIN Cover+Infos: Cover+Infos-->Check Your Head // Rest-->Pixabay
  • RAMMSTEIN Zeit Vinyl: Verfasser des Review
  • RAMMSTEIN Titelbild Photocredit–>Bryan Adams: Check Your Head GbR

Metalhead

Seit meiner Kindheit höre ich gerne Rockmusik. Es hat mit Gary Moore, Scorpions, Billy Idol, Bon Jovi, Dire Straits, AC/DC usw. angefangen, also quasi mit den Großen der 80'er und 90'er Jahre. Mit zunehmendem Alter ging der Musikgeschmack immer mehr auch in die härtere Richtung. So finden sich mittlerweile auch viele Core-Platten, so wie Black-und Death-Metal Kracher in meiner Sammlung. Daher bin ich in fast allen Bereichen des Rock und Metal unterwegs. Eine besondere Vorliebe habe ich für den Underground entwickelt, wo es richtig brennt und es viele hochklassige Bands gibt, die den Großen der Branche in nichts nachstehen, ganz im Gegenteil. In diesen Sinne: Stay tough, stay heavy!

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